Nach Hetze gegen Hartz IV-Empfänger nun gegen Muslime
Von Jürgen Aust
Die bundesdeutsche Elite aus Kapital und Politik trat Sarrazin bereits weit vor der Veröffentlichung seines Buches zur Seite. So der ehemalige BDI-Päsident Olaf Henkel, der u.a. erklärte, dass Sarrazin in der Sache richtig liege. Bereits damals legte der Duisburger SPD-Bundestagabgeordnete Johannes Pflug in einem WAZ Interview nach, indem er zwar die Wortwahl Sarrazins nicht teilen wollte, aber Sarrazin liege völlig richtig, wenn er die Integrationsdefizite der muslimischen Bevölkerung offenlege. In der aktuellen Auseinandersetzung scheinen nahezu alle Dämme gegen einen immer wieder aufkommenden Rassismus in Deutschland gebrochen zu sein. Ehemalige oder prominente Bundespolitiker aus den Reihen von CDU und SPD wie von Guttenberg, Clement und Schily treten Sarrazin zur Seite und wollen ihn sogar im Rahmen des gegen ihn eingeleiteten Ausschlussverfahrens vor der parteiinternen Schiedskommission verteidigen.
Der stellvertretende Chefredakteur der WAZ, Wilhelm Klümper, ließ in seinem Kommentar vom 06.09.2010 die lange angestaute Luft ab: „Nach dem jahrelang vorherrschenden Multi-Kulti-Gesummse (!) in Sonntagsreden und Talkshows fühlt sich jetzt allerdings sogar die Kanzlerin befleißigt, vor rechtsfreien Räumen in Stadtteilen mit hohem Ausländeranteil zu warnen. Und eine entschlossene, besser ausgestattete Polizei könnte in Marxloh und all den anderen Migrantengettos wieder die nötige staatliche Autorität sein.“
Rassistische Vorurteile und die Realität
Dass dieses mediale Trommelfeuer gegen die angeblich integrationsunwillige türkisch- und arabischstämmige Bevölkerung seine gewünschte Wirkung nicht verfehlt, ist neuesten Umfragen zu entnehmen, wonach 39 % meinten, dass Deutschland „in einem gefährlichen Masse überfremdet“ sei.
Dass dies mit der Realität kaum etwas zu tun hat, belegt einmal mehr eine Stellungnahme des Duisburger Polizeisprechers, wonach es in Duisburger Stadtteilen mit hohem Ausländeranteil keine „rechtsfreien Räume“ gebe und dass insbesondere in Marxloh die Zahl der Straftaten sich von anderen Stadtteilen kaum unterscheide. Und dass der prozentuale Anteil der muslimischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung von 82 Mio. gerade einmal 5 % beträgt, interessiert eingefleischte Rassisten und ihre Helfershelfer herzlich wenig.
Was früher die Juden waren, sind heute Menschen aus dem türkischen bzw. arabischen Raum, die gleichzeitig in der aktuellen Auseinandersetzung die Funktion erfüllen, dass Muslime und deutsche Unterschicht austauschbar sind.
So wie es die Zeitung „junge Welt“ vom 07.09. in einem Kommentar zum Ausdruck brachte: „Der soziale Inhalt der Integrationsdebatte erschließt sich nicht zuletzt aus der von Sarrazin vorgenommenen Identifizierung von muslimischen Migranten und Unterschicht. Dass mangelnder Anpassungswille mit dem Verlust sozialer Rechte bestraft werden kann, ist eine Gefahr, die nicht nur integrationsunwilligen Ausländern droht.“
Wir erleben mit der Sarrazin-Debatte, dass die Pluralität, die eine freiheitliche Gesellschaft doch angeblich gerade von autoritären Systemen unterscheiden soll, nichts als bürgerliche Fassade ist.