Kollateral-Schäden des Eventgeschäfts

Von Jürgen Aust, Landesvorstand DIE LINKE.NRW und Hermann Dierkes, Vorsitzender der Linksfraktion im Rat der Stadt Duisburg

Die Loveparade-Katastrophe wirft nicht nur die Frage nach der strafrechtlichen und politischen Schuld auf. Die Genehmigungspraxis für derartige Mammut-Veranstaltungen mit ihren großen Gefahren muss ebenfalls dringend geändert werden. Nötig ist auch eine kulturpolitische Debatte über Sinn und Unsinn, über Nutznießer und Ausgenutzte. Ist die Love Parade (LP) wirklich Teil unserer „Volkskultur“ wie Herr Bosbach (CDU) noch am 28.7. in der Talkrunde von Maybritt Illner behauptete? Also gewissermaßen eine andere Art Riesenkarneval oder -disko im Freien? Oder ist sie nicht ein kultureller Irrweg? Dr. Motte, Techno-DJ, Musiker und Erfinder der zunächst 1989 in Berlin unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ entstandenen Love Parade, hat sich nach ihrem Niedergang und seinem Ausstieg 2006 immer wieder kritisch gegen Lopavent gestellt, die die Rechte an der LP gekauft hatte. Lopavent – deren Hauptsponsor das Unternehmen McFit des Herrn Schaller ist („Mucki-Buden-Aldi“), habe sie in eine Werbeplattform für das profitträchtige Fitness-Geschäft verwandelt. Die LP als „Tanzbewegung“,  („Harmonie durch Musik“, „Liebe und Respekt“), so Dr. Motte, sei völlig kommerzialisiert worden. Wolfgang Orscheschek, der stv. NRW-Vorsitzende der Polizeigewerkschaft (DPolG im Beamtenbund) hat es so ausgesprochen: Die Toten und Verletzten seien „Opfer materieller Interessen eines Veranstalters, der unter dem Deckmäntelchen der ‚Kulturhauptstadt 2010’, unter Ausnutzung planbarer Medienreaktionen“ so viel Druck auf Landespolitiker ausgeübt habe, „dass sie zum Ereignis ‚Love Parade’, trotz eindringlicher Warnungen aus dem Sicherheitsbereich nur ‚ja’ sagen konnten“. Der damalige Duisburger Polizeipräsident Rolf Cebin sah keinen geeigneten Platz in Duisburg und riet ab. Bochum sagte 2009 aus Sicherheitsgründen ab. Die LP sollte aber – auch nach dem Willen der Regierung Rüttgers - um jeden Preis in das Kulturhauptstadtjahr 2010 eingebunden werden. „Hier wird neue Energie gefördert. Sie heißt Kultur“ propagierten die regionalen „Kulturpäpste“. Gilt das auch für die LP? Ist es Legitimation genug, wenn sich hunderttausende – vor allem junge Leute - für sie begeistern, um enorme öffentliche Kosten zu schultern (Verwaltung, Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienste, Verkehrslenkung usw.), während landauf – landab die Kulturetats empfindlich gekürzt werden? Kritikern – auch im Duisburger Rat - wurde vorgehalten, sie unterschätzten die wirtschaftliche Bedeutung. Über 1 Mio. BesucherInnen würden pro Nase rd. 90 Euro ausgeben. Abgesehen davon, dass inzwischen feststeht, dass die Besucherzahlen immer wieder hoch gelogen wurden, müssen wir fragen: Ist es verantwortlich, derartige Sicherheitsrisiken einzugehen, wenn keine geeigneten Straßen und Areale zur Verfügung stehen? Ist dieser Aufwand, sind die Toten, Verletzten, Traumatisierten und Entschädigungssummen – über die erst noch Gerichte entscheiden müssen -  der hinzunehmende Kollateralschaden für diese Art von „Volkskultur“? Können wir uns mit dem Trauerritual mit Bundesprominenz zufriedengeben? Reicht es, wenn die Verantwortlichen belangt werden oder politisch den Hut nehmen? Oder müssen wir nicht auch Fragen stellen nach dem Sinn derartiger Events, die nur Konjunktur haben, weil sie helfen, den grauen Alltag einen Moment zu vergessen? Sollten wir nicht besser eine solidarische Gesellschaft anstreben mit demokratischen Kulturformen für alle, mit gesicherten öffentlichen Ressourcen - anstatt „Kultur“ als bloßes Schmiermittel für den Kommerz?