• Juni 2007: 5 Ruhrgebietsstädte schließen mit der Fa. Lopavent einen Rahmenvertrag zur Durchführung der Love Parade (LP). Diese soll in der Abfolge Dortmund (2007), Essen (2008) Bochum (2009), Duisburg (2010) und Gelsenkirchen (2010) stattfinden. Die Ratsfraktion der Duisburger LINKEN enthält sich beim Grundsatzbeschluss im Juni 2007 nach Diskussionen über das Pro und Kontra. Alle übrigen Fraktionen und Parteien im Rat stimmen zu. Eine Wegstrecke steht zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest.
• Frühjahr 2009: Bochum sagt die LP wegen Sicherheitsbedenken ab. Die klammen Stadtfinanzen stehen im Hintergrund. Nach der Absage wollen mächtige Akteure aus Politik und Kulturszene, die Landesregierung Rüttgers, die Duisburger CDU und OB Sauerland um jeden Preis verhindern, dass die LP im Kulturhauptstadtjahr 2010 nochmals abgesagt wird. Sicherheitsbedenken der Bochumer Polizei werden nicht ernst genommen. Als der damalige Polizeichef Cebin Ende 2008 Sicherheitsbedenken äußerte, wurde er vom Duisburger CDU-Chef Mahlberg beim damaligen Innenminister Wolf als „Belastung für Duisburg“ denunziert. Mahlberg forderte seine vorzeitige Ablösung (Cebin ging im Mai 2010 in den Altersruhestand).
• Ab März 2009 berät ein Arbeitskreis aus Fachbehörden, Polizei, Verkehrsunternehmen und Veranstalter das Sicherheitskonzept. Externe Berater wie „Stauforscher“ Prof. Schreckenberger werden hinzu gezogen. Anfragen – u.a. am 16.06.2009 im Kulturausschuss – über das Organisationskonzept werden entweder gar nicht oder nur oberflächlich beantwortet.
• Um die Jahreswende 2009/2010 und auf dem Hintergrund der Überschuldung der Stadt, neuer Sparschweinereien und öffentlicher Proteste spitzt sich die Diskussion um die LP im Duisburger Rat zu. 840.000 Euro fehlen für die Veranstaltung, die Duisburg übernehmen soll. Eine von der Opposition geforderte Sondersitzung des Rates im Februar 2010 begrüßt die LP zwar, legt aber fest, dass keine städtischen Gelder für sie ausgegeben werden dürfen. Die fehlenden Mittel sollen Veranstalter und Sponsoren aufbringen. Auch die CDU-Fraktion muss zustimmen. In der Folge wird bekannt, dass private Sponsoren und die Schaller-Firma McFit (die hinter der Fa. Lopavent steht) mit 205.000 Euro einspringen, Duisburg über die Marketing GmbH (DMG) mit dem Verkauf von Werbematerial 185.000 Euro beisteuern soll und das Landesverkehrsministerium 450.000 Euro zuschießt. Staatssekretär Brendel an die Düsseldorfer Bezirksregierung: „Belastungen des Duisburger Haushalts sind nach heutigen Erkenntnissen nicht zu erwarten. Ich bitte daher, der Stadt Duisburg mitzuteilen, dass seitens der Kommunalaufsicht haushaltsrechtliche Bedenken (...) nicht erhoben werden.“
• Im Frühjahr 2010 wird bekannt, dass das alte Güterbahnhofsgelände als Veranstaltungsort vorgesehen ist. In der Werbung des Veranstalters wie auch in Mitteilungen der Stadtverwaltung wird immer häufiger von bis zu 1 Million Teilnehmer ausgegangen. Die Linksfraktion stellt am 20.04. 2010 eine Anfrage zum Verkehrskonzept. Diese wird erst am 24.06.2010 im Verkehrsausschuss beantwortet. Auf Internetseiten der Tagespresse warnen zahlreiche LeserInnen in den folgenden Wochen vor dem Organisations- und Verkehrskonzept.
• 23.07. Buchstäblich in letzter Minute wird die ordnungsbehördliche Gesamtgenehmigung der LP durch die Stadt Duisburg erteilt.
• Samstag, 24. Juli, Tag der LP: Das Sicherheitskonzept und seine Umsetzung erweisen sich als grob fehlerhaft. Gegen 17.00 Uhr kommt es am einzigen Ein- und Ausgang des Geländes am Tunnel Karl-Lehr-Strasse zur Katastrophe. In den Menschenmassen werden 21 TeilnehmerInnen aus 6 Ländern erdrückt und mehrere hundert teilweise schwer verletzt. Die Katastrophe wird zur Weltnachricht. Bestürzung weit und breit.
• 25.07.: Eine Pressekonferenz im Rathaus mit Vertretern von Verwaltung, Veranstalter und Polizeipräsidium wird zum politischen Desaster. OB Sauerlands und Rechtsdezernent Rabe verteidigen das Sicherheitskonzept und weisen den verunglückten und getöteten Teilnehmern individuelle Schuld zu. Medienvertreter aus aller Welt sind entsetzt. Die Öffentlichkeit ist erneut geschockt. Fassungslosigkeit herrscht darüber, dass nur ein einziger Zu- und Ausgang vorgesehen war. Die LINKE fordert rückhaltlose Aufklärung, strafrechtliche und personelle Konsequenzen. Veranstalter Schaller weist der Polizei die Schuld an der Katastrophe zu.
• Die Kölner Staatsanwaltschaft übernimmt mit 80 Mitarbeitern die Ermittlungen. Zahlreiche Verwaltungsakten, Unterlagen des Veranstalters, Filmdokumente und Augenzeugenberichte müssen ausgewertet werden. Es mehren sich die Hinweise, dass der Veranstalter wichtigen Sicherheitsauflagen nicht oder nur unzureichend nachgekommen ist. Immer deutlicher wird ebenfalls, dass Ordnungsdezernent Rabe (CDU) und Planungsdezernent Dressler (SPD), vor allem aber OB Sauerland als Chef der Verwaltung die politische Verantwortung tragen. Erste Protokolle aus dem Arbeitskreis Sicherheit, die an die Öffentlichkeit gelangen, belegen, dass es erheblichen Streit um das Konzept gab und Sauerland entgegen seiner Darstellung von den Bedenken wusste. Sauerland sieht sich mit einer Flut von Rücktrittsforderungen konfrontiert. Aber der OB und die Fachdezernenten bleiben trotz wütender Proteste und Demonstrationen – auch vor dem Rathaus - weiter im Amt. Viele tausend Menschen pilgern täglich zum Ort der Katastrophe, bringen Kerzen und Blumen.
• 26.07.: Die Landtagsfraktion der LINKEN legt dem Innenministerium eine umfangreiche Liste mit Fragen zur Vorgeschichte und zum Hergang der Katastrophe vor. Ein gleich lautender Fragenkatalog wird von der Duisburger Ratsfraktion der LINKEN als Anfrage an den Rat eingebracht.
• 27.07.: Innenminister Jäger (SPD) und der NRW-Polizeiinspekteur nehmen Stellung. Gemeinsame Erklärung von Duisburger Kreisverband, Ratsfraktion, Landtags- und Landesvorstandsmitgliedern fordert Sauerland zum Rücktritt auf.
• 29.07.: Die Ratsfraktion DIE LINKE initiiert das Abwahlverfahren nach § 66 der Gemeindeordnung NRW. Sämtliche Ratsmitglieder werden persönlich angeschrieben und aufgefordert, sich mit ihrer Unterschrift dem Verfahren anzuschließen. Trotz Urlaubszeit erklären sich bis zum 25. 08. 38 Ratsmitglieder für das Abwahlverfahren. Das ist etwas mehr als die gesetzlich vorgeschriebene Anzahl von 50 % der Ratsmitglieder.
• 31.07. Trauergottesdienst in der Salvator-Kirche unter Anwesenheit von Hinterbliebenen der Opfer, Bundespräsident Wulff, Bundeskanzlerin Merkel, NRW-Ministerpräsidentin Kraft, Vertretern der Parteien und des öffentlichen Lebens. Sauerland bleibt der Veranstaltung fern, „um nicht zu provozieren“. Bundespräsident Wulff legt Sauerland Amtsverzicht nahe.
• Ende Juli: OB Sauerland gibt zu, dass er im Einvernehmen mit Veranstalter falsche Zahlen über die Teilnehmerzahlen verbreitet hat. Hochgelogene Besucherzahlen von Dortmund und Essen sowie überzogene Erwartungen für Duisburg in Höhe von 1 - 1,4 Millionen waren Teil der Werbung von Lopavent, der Stadt und von NRW-„Kulturfürsten“.
• Mitte August: Staatsanwaltschaft durchsucht bundesweit 6 Büros des Love Parade-Veranstalters Lopavent bzw. der Firma McFit sowie der beiden Security Büros Challenge Security (Essen) und SMS (Köln) .
• 04.08.: Der Innenausschuss des Landtags befasst sich mit der Love Parade-Katastrophe. Vertreter der Stadt Duisburg fehlen. Die Stadtspitze hat einen vom Anwaltsbüro Heuking-Kühn-Lüer und Wojtek eilends verfassten „Zwischenbericht“ vorgelegt. Darin wird u.a. behauptet, es längen derzeit keine Erkenntnisse vor, nach denen „Mitarbeiter der Stadt ihre gesetzlichen Pflichten verletzt hätten und auf diese Weise zum Unglück beigetragen oder es gar verursacht hätten“. Die Ratsfraktion der LINKEN sieht das Anwaltsbüro durch seine früheren Aufträge aus der Stadtverwaltung und seine Anwältin Dr. Ute Jasper, die das Gutachten mit unterzeichnet hat, als befangen an und weist den Bricht als „heiße Luft“ zurück. RA Jasper wurde 2002 durch ihre Privatisierungs-Aktivitäten in Mülheim und ihre persönliche Liaison mit dem damaligen OB Baganz (CDU) skandalträchtig. Baganz musst damals den Hut nehmen.
• OB Sauerland fordert öffentlich die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses des Landtags.
• DIE LINKE fordert nach diesem Reinwaschversuch Klarheit darüber, wieso diese Anwaltskanzlei beauftragt wurde und welche Kosten für die hochverschuldete Stadt entstehen. Der von der Stadt über eben diese Anwaltskanzlei engagierte PR-Berater Karl-Heinz Steinkühler (Kosten: 2.000 Euro pro Tag) wirft wenige Tage später bereits das Handtuch, nachdem ein offenbar von ihm arrangiertes WDR-Interview mit OB Sauerland in der Öffentlichkeit weiteres Kopfschütteln auslöst. In dem Fernseh-Interview weist Sauerland erneut Rücktrittsforderungen zurück und beharrt auf Weiterführung des Amtes, weil er u.a. durch „Zugang zu Akten“ Aufklärung betreiben könne.
• 06.08.: Doris Janicki und Dieter Kantel (Ratsmitglieder der Grünen) wollen sich „nicht an der Hetzjagd gegen OB Sauerland beteiligen“. Unter Verweis auf den Zwischenbericht des Anwaltsbüros treffe Sauerland keine Schuld. Der grüne Kreisvorstand um Matthias Schneider vertritt die gegenteilige Position.
• 09.08.:Grüne Bundesebene spricht sich für Abwahl Sauerlands als „unumgänglich“ aus.
• 10.08.: Stadtdirektor Greulich (Grüne) stellt sich in Schreiben an die Mitarbeiter der Stadtverwaltung hinter Sauerland
• 12.08.: Duisburger Ortsverbände der Grünen und Einzelmitglieder betreiben Parteiordnungsverfahren gegen die grünen Ratsmitglieder Kantel und Janicki
• 13.08.: Stadt beteiligt sich mit 500.000 Euro an Hilfsfonds für die LP-Opfer
• 15.08.: In einem Interview mit dem WDR-Fernsehen spricht Sauerland vor allem über seine Befindlichkeiten, weist Schuldvorwürfe zurück und lehnt erneut einen Rücktritt ab.
• 23.08.: Vor dem Rathaus wird eine selbst organisierte Sammlung von 10.000 Unterschriften aus der Bürgerschaft übergeben. Sie fordert den Rücktritt der Verantwortlichen und den Rat zum Handeln auf.
• 23.08.: OB Sauerland fordert von der Verwaltungsspitze im Rathaus „Rückkehr zur Normalität“
• 24.08.: Medien bestätigen, was Opfer-Anwälte bereits Anfang August festgestellt hatten: LP war mit 7,5 Mio. Euro vollkommen unterversichert.
• 25.08.: Gesamtfraktion der Grünen fordert mehrheitlich Unterstützung des Abwahlverfahrens. Es wird bekannt, dass inzwischen auch Strafanzeigen gegen Verantwortliche der „Kulturhauptstadt 2010“ wie F. Pleitgen vorliegen.
• 26.08.: Staatsanwaltschaft sichert erneut Akten im Rathaus
• 27.08.: Vertreter von SPD, LINKEN und FDP übergeben den Ratsantrag zur Einleitung des Abwahlverfahrens, für den seit Ende Juli Unterschriften von Ratsmitgliedern gesammelt wurden. Für den 14. September wird eine entsprechende Ratssondersitzung gefordert. Für die Einleitung des Abwahlverfahrens müssen sich Zweidrittel der Ratsmitglieder in namentlicher Abstimmung aussprechen. Erst dann können die Wahlberechtigten per Abstimmung eingreifen.
• Stadtdirektor Dr. Greulich (Grüne) erklärt Bürgerantrag zur Abwahl von Sauerland für rechtlich unzulässig.
• Die CDU erklärt sich gegen ein Abwahlverfahren. Befürworter des Abwahlverfahrens wollten angeblich „die Aufklärung verhindern“. Interner Streit bei den Grünen spitzt sich zu: die Ratsmitglieder Kantel und Janicki stellen sich – wie der grüne Umweltdezernent Greulich - gegen die Abwahl des OB.
• 28.08.: Mehrere hundert Menschen demonstrieren vor dem Rathaus gegen die rechtspopulistische ProNRW, die sich mit ihrer Forderung „Sauerland muss weg“ in Szene setzen will. Aufgerufen zu der Aktion hatten DGB, Stadtjugendring, LINKE und Bündnis gegen Rechts.
• 02.09.: Sondersitzung des Landtags-Innenausschusses befasst sich erneut mit der LP-Katastrophe. Sauerland legt „Abschlußbericht“ des Anwaltbüros Heuking u. Partner vor, in dem er jedes Verschulden der Stadtverwaltung zurückweist.
• 06.09.: Sondersitzung des Rates auf Antrag der FDP behandelt Ratsanfragen