Hamborner Erklärung

Kommunalpolitiker/innen, Gewerkschafter/innen, Betriebs- und Personalräte sowie interessierte Bürgerinnen und Bürger haben sich am 10.01.09 in Duisburg-Hamborn getroffen, um über die zugespitzte Krise der Kommunalfinanzen und Wege zu ihrer Überwindung zu sprechen.

Die Konjunkturdaten und Prognosen lassen keinen Zweifel mehr: das Zusammenwirken von globaler Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise droht zu schweren Verwerfungen auf allen Ebenen zu führen. 2009 und in den Folgejahren müssen wir mit einem massiven Anstieg der Erwerbslosigkeit, weiteren Reallohnverlusten, sozialen Einschnitten, massiven Steuerausfällen und öffentlichen Leistungsverschlechterungen rechnen.

Die anstehenden Abwehrkämpfe sowie die Kommunal-, EU- und Bundestagswahlen verlangen von allen sozialpolitisch Engagierten, MandatsträgerInnen, PersonalvertreterInnen und GewerkschafterInnen klare Antworten und Forderungen.

Verschärfte kommunale Krise
Ein besonderes Feld der Auseinandersetzung ist die kommunale Ebene. Fast 180 Kommunen in NRW sind hoch verschuldet. Die Kluft zwischen armen und reichen Kommunen wird – trotz des zeitweilig verbesserten Steueraufkommens in den zurückliegenden Jahren der Konjunktur – immer größer. Fast die Hälfte der bundesweit aufgenommenen Kassenkredite in Höhe von 28 Mrd. Euro zur Liquiditätssicherung (d.h. für die laufenden Aktivitäten der Kommune, Personalkosten, gesetzliche vorgegebene Ausgaben und Umlagen usw.) konzentriert sich auf NRW mit Schwerpunkt Ruhrgebiet.

Darin zeigt sich nicht nur die massive Unterfinanzierung gesetzlicher Aufgaben. Das ist auch das Ergebnis der anhaltende Strukturschwäche unserer ehemals durch die Montangüterindustrie geprägten Region, ihrer fortdauernden Umstellungsprobleme, ihres gravierenden Mangels an sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung, ihrer besonders großen Soziallasten durch hohe Langzeitarbeitslosigkeit und Verarmung sowie ihres anhaltenden Bevölkerungsrückgangs.

Mit der anlaufenden schweren Wirtschaftskrise drohen das Kommunalsteueraufkommen und die Zuweisungen von Bund und Ländern wieder massiv abzusinken. Die kommunale Verschuldungsspirale dreht sich weiter.

Erzwungener Sparkurs für Schulden, die andere zu verantworten haben
In den aktuellen Haushaltsdebatten werden von den jeweiligen Rathausmehrheiten neue Kür-zungspakete aufgelegt. Das Innenministerium greift über die Kommunalaufsichten (Bezirksregierungen) massiv ein und will einen verschärften Sparkurs, um ausgeglichene Kommunalhaushalte mit der Brechstange zu erzwingen. Die kommunale Schuldenkrise ist – bei allen örtlichen Fehlentwicklungen, die zweifellos auch eine Rolle spielen – aber nicht in erster Linie hausgemacht. Es ist vor allem die  langjährige strukturelle Unterfinanzierung der kommunalen Ebene, die bei über 90 % ihrer Aktivitäten Bundes- und Landesgesetze umsetzen muss.

Infolgedessen wurde auch das Prinzip der kommunalen Selbstverwaltung weitgehend ausgehöhlt. Eine Bundesregierung nach der anderen hat die Misere nicht beendet, sondern noch verschlimmert. Der jetzt aufgezwungene verschärfte Sparkurs ist ein weiterer schwerwiegender Eingriff in die kommunale Selbstverwaltung. Er fordert entschlossenen Widerstand heraus.

Das faktische Verbot von „freiwilligen“, aber für die kommunale Bevölkerung sinnvollen Leistungen, ist auch verfassungswidrig. Zum einen darf man nicht dem Märchen aufsitzen, das „freiwillige Leistungen“ (wie z. B. Kulturausgaben und Jugendzentren) durchgängig mit verzichtbarem Luxus gleichsetzt. Zum zweiten führt dieses faktische Verbot nämlich dazu, dass die Kommunen noch mehr als bisher zu reinen Vollstreckern zentralstaatlicher Aufgaben degradiert werden, nachdem sie über lange Jahre in die Schuldenfalle getrieben worden sind. Das repressive Einschreiten der Kommunalaufsicht ist dementsprechend vollkommen inakzeptabel, Ausdruck der Hilflosigkeit und der falsche Weg. Ein weiterer – auch verfassungsrechtlich negativer – Aspekt ist die wachsende Ungleichheit der Lebensbedingungen in armen und besser gestellten Kommunen und Regionen. Wir setzen uns dafür ein, dass von der kommunalen Ebene aus Verfassungsklage gegen die ständige Unterfinanzierung angestrengt wird.

Widerstand ist notwendig
Wenn dem verschärften Sparkurs gegenüber den Kommunen und durch kommunale Mehrheiten kein massiver Widerstand entgegen gesetzt wird, droht eine neue Qualität von Leistungskürzungen und -verschlechterungen für die breite Masse der Bevölkerung. Erhöhte Gebühren und Abgaben sowie weitere Privatisierungen eingeschlossen. Die geforderte verschärfte Personalkostensenkung betrifft zehntausende Beschäftigte im öffentlichen Dienst. Es drohen weiterer Personalabbau, Beförderungsstopps und eine erneute Verringerung der Ausbildungszahlen bzw. Übernahmen. Die Bedingungen für die kommende Tarifrunde im öffentlichen Dienst werden abermals verschlechtert.


Die erzwungene Verringerung der kommunalen Investitionsquote wird Krisen verschärfend wirken und die wieder ansteigende Arbeitslosigkeit noch höher treiben. Das faktische Verbot der Inanspruchnahme von Fördergeldern durch Kommunen, die den Eigenbeitrag nur kreditfinanziert aufbringen können, wird diese weiter zurück werfen. Dabei haben die armen Kommunen die Fördergelder am dringendsten nötig.

Was Banken und Konzernen zugeschanzt wird, darf den notleidenden Kommunen nicht verweigert werden
Die härtere Vorgehensweise gegen die große Zahl armer Kommunen ist mit Blick auf die aktuelle Notwendigkeit Konjunktur stützender Programme auf jeden Fall kontraproduktiv. Sie steht im offenen Widerspruch zu dem Rettungsschirm der Bundesebene für die Banken in Höhe von 480 Mrd. Euro. Sie steht auch im Widerspruch zu den sich abzeichnenden milliardenschweren Gehhilfen für Industriekonzerne und Wirtschaftsbranchen, an denen sich auch die Länder beteiligen wollen.

Sie steht schließlich im Widerspruch zu den völlig unzureichenden und fragwürdigen Konjunkturförderprogrammen. Auf diesen Widerspruch machen wir nachdrücklich aufmerksam. Was Banken und Konzernen – ohne harte Auflagen, ohne strukturelle Veränderungen und mit zweifelhaften Erfolgsaussichten zugeschanzt wird, darf der kommunalen Ebene nicht verweigert werden. Die kommunalen Aktivitäten und die öffentliche Daseinsvorsorge sind für die Masse der Bevölkerung lebensnotwendig. Sie haben für uns absoluten Vorrang.

Vor diesem Hintergrund brauchen wir erstens und dringend ein umfassendes Entschuldungsprogramm für die kommunale Ebene. Dieses muss sowohl die Altschulden als auch Sicherungen gegen eine erneute Schuldenfalle umfassen. Wichtige Elemente eines Entschuldungskonzepts sind:

 der Wegfall der (unlängst erhöhten) Gewerbesteuerumlage für notleidende Kommunen;
 die Einrichtung eines Entschuldungsfonds des Landes für strukturschwache Kommunen, durch den der Abbau der Altschulden und Kassenkredite gewährleistet werden soll;
 die Wiedereinführung der kommunalen Investitionspauschale in Höhe von zunächst 3 Mrd. € nicht nur für ostdeutsche Kommunen, sondern für alle finanzschwachen Kommunen;
 die Neuverhandlung der Solidarpakts II mit dem Ziel, alle bedürftigen Kommunen unabhängig von ihrer geografischen Lage einzubeziehen;
 die Neuverhandlung der erdrückenden Zinslasten mit dem Ziel ihrer nachhaltigen Senkung;
 die Neuaufteilung des Steueraufkommens auf die verschiedenen staatlichen Ebenen insgesamt sowie
 die Einführung von Vetorechten der kommunalen Ebene, um etwa die fortgesetzte Missachtung der Konnexität abzuwehren.

Wir brauchen zweitens ein umfassendes Konjunkturprogramm, das vor allem die kommunale Ebene und die öffentliche Infrastruktur stärkt. Dazu gehören

 die Entkoppelung von Fördergeldern von finanziellen Eigenbeiträgen für arme Kommunen
 Programme, die die Ausweitung von sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung fördern und die sog. 1-Euro-Jobs beenden;
 Qualitäts- und Zielkriterien für die öffentliche Infrastruktur (v.a. die energetische Sanierung; Förderung umweltfreundlicher Verkehrsträger; die Sanierung und der Ausbau von Bildungseinrichtungen).

Wir wollen, dass die Handlungsfähigkeit der Kommunen durch eine umfassende staatliche Finanzreform, eine Neuaufteilung des Steueraufkommens und weitreichende Mitbestimmungsrechte ge-genüber den übergeordneten staatlichen Ebenen wiederhergestellt und für die Zukunft gesichert wird. Aus dem DGB und anderen Parteien kommen gleiche oder ähnliche Forderungen. 18 Vertreter von Kommunen des Ruhrgebiets und des märkischen Landes haben sich am 18.12.08 in einer gemeinsamen Erklärung für einen finanzpolitischen Kurswechsel und von der Stoßrichtung her ähnlich ausgesprochen, im RVR wird in die gleiche Richtung diskutiert.

Damit diese Forderungen nicht Papier bleiben, halten wir große Mobilisierungen der betroffenen Bevölkerung für unverzichtbar. Wir brauchen eine gemeinsame, breite Bewegung zur kommunalen Entschuldung und für neue Perspektiven. Die Zeit drängt.

Duisburg, den 10.1.2009

Gewerbesteuerumlage – an den Bund abschaffen, an die Länder schrittweise auf Null absenken

Antragsteller: Dr. Gregor Gysi und Oskar Lafontaine und Linksfraktion

Deutscher Bundestag Drucksache 16/
16. Wahlperiode

Antrag
der Abgeordneten Katrin Kunert, Dr. Axel Troost, Hüseyin Aydin, Dr. Gesine Lötzsch, Dr. Dietmar Bartsch, Karin Binder, Heidrun Bluhm, Eva Bulling-Schröter, Roland Claus, Lutz Heilmann, Hans-Kurt Hill, Michael Leutert, Dorothée Menzner, Dr. Ilja Seifert, Dr. Kirsten Tackmann und der Fraktion DIE LINKE.

Gewerbesteuerumlage – an den Bund abschaffen, an die Länder schrittweise auf Null absenken

Der Bundestag wolle beschließen:

I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:

Die internationale Finanzkrise und die nachfolgende Wirtschaftskrise müssen durch konjunkturpolitische Gegenmaßnahmen abgefedert werden. Eine Hauptsäule dieser Maßnahmen müssen Investitionen der öffentlichen Hand – z.B. in Bildung und die Einleitung einer Energiewende – sein. Ein großer Teil dieser Investitionen fällt in den Aufgabenbereich der Kommunen, die entsprechend in ihren Finanzspielräumen deutlich gestärkt werden müssen. Die aktuelle Entwicklung der kommunalen Finanzen belegt leider, dass trotz gestiegener Steuereinnahmen vielen Kommunen eine finanzielle Abwärtsspirale droht. Ursächlich dafür sind vor allem sich abzeichnende jährliche Mindereinnahmen bei der Gewerbesteuer, eine hohe Verschuldung, explodierende Sozialausgaben und ein erheblicher Sanierungsbedarf der öffentlichen Infrastruktur. Die  Finanzkrise und eine sich abzeichnende Rezession verschärfen die kommunale Finanzlage.

Bund und Länder sind deshalb dringend gefordert, die Städte und Gemeinden zu unterstützen, wie durch die Abschaffung der Gewerbesteuerumlage. Die Gewerbesteuerumlage von den Kommunen an Bund und Länder mindert die Einnahmen der Städte und Gemeinden erheblich. Ein Wegfall der Gewerbesteuerumlage würde zudem den Charakter der Gewerbesteuer als originäre Gemeindesteuer wiederherstellen und würde der Maßgabe des Grundgesetzes entsprechen, dass eine den Gemeinden mit Hebesatz zustehende wirtschaftskraftbezogene Steuerquelle zu den Grundlagen der finanziellen Eigenverantwortung der kommunalen Selbstverwaltung gehört.

Der Verzicht auf die Gewerbesteuerumlage könnte ein Schritt hin zu einer dringend erforderlichen Gemeindefinanzreform sein, mit der mittelfristig die kommunalen Steuereinnahmen entscheidend verbessert werden müssen.

II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,

einen Gesetzentwurf zum Wegfall der Gewerbesteuerumlage vorzulegen. Zweck soll sein, die Einnahmen aus der Gewerbesteuer vollständig den Städten und Gemeinden zur Verfügung zu stellen.

In dem Gesetz soll insbesondere Folgendes geregelt werden:

1. Die Gewerbesteuerumlage von den Gemeinden an den Bund wird ab dem 1. Juli 2009 abgeschafft.

2. Die Gewerbesteuerumlage von den Gemeinden an die Länder wird, beginnend im Jahr 2009, abgesenkt und fällt schrittweise bis zum Ende des Jahres 2013 weg.

Berlin, den 4. Dezember 2008
Dr. Gregor Gysi, Oskar Lafontaine und Fraktion

Begründung

Die Gewerbesteuerumlage wurde durch die Gemeindefinanzreform 1969 ab 1. Januar 1970 eingeführt. Sie hatte die Funktion eines Ausgleichspostens für die gleichzeitig wirksam werdende Beteiligung der Gemeinden an der Lohn- und Einkommensteuer. Seit 1991 änderte sich die Funktion der Gewerbesteuerumlage wesentlich. Die jeweiligen Bundesregierungen und die sie tragenden Koalitionen haben die Gewerbesteuerumlage befrachtet, so dass sich ein schwer überschaubares System aus „Normal“-Umlage und „erhöhten“ Umlagen ergab.

Die „Normal“-Umlage fließt je zur Hälfte Bund und Ländern zu und soll ausschließlich der Feinsteuerung der Finanzbeziehungen zwischen den staatlichen Ebenen einschließlich der Kommunen dienen. Auf der Landesebene erscheint dieser Ausgleichmechanismus gerechtfertigt. Nicht jedoch auf der Bundesebene. Die Kommunen sind nach der Finanzverfassung Teil der Länder, zwischen Bund und Gemeinden bestehen keine Finanzausgleichsbeziehungen. Die Gewerbebesteuerumlage an den Bund sollte deshalb unverzüglich abgeschafft werden.

Aber auch die bundesgesetzlich geregelte „erhöhte“ Umlage an die Länder sollte schrittweise auf Null abgesenkt werden. Diese entwickelte sich seit 1991 sukzessiv zu einem Instrument zur Beteiligung der westdeutschen Kommunen am Beitrag ihrer Länder an der Finanzierung der einigungsbedingten Belastungen. Auf Wunsch der Länder wurden die westdeutschen Städte und Gemeinden durch bundesgesetzliche Regelungen im Rahmen des Fonds Deutsche Einheit (ab 1991) und des Solidarpakts (ab 1995) an der Finanzierung der einigungsbedingten Belastungen der alten Länder beteiligt. Die so in zwei Schritten „erhöhte“ Umlage fließt ausschließlich den Ländern zu.

Mit der Abschaffung der Gewerbekapitalsteuer ab 1998 wurde die Gewerbesteuerumlage um eine dritte zusätzliche Komponente zugunsten der Länder erweitert. Selbst die Kommunen in den neuen Ländern wurden einbezogen, obgleich hier eine Gewerbekapitalsteuer von vornherein nicht erhoben wurde.

Nach Artikel 28 Absatz 2 Satz 3 des Grundgesetzes steht den Gemeinden eine mit Hebesatz versehene wirtschaftskraftbezogene Steuerquelle zu. Sie ist unverzichtbar, um die gemeindliche Finanzautonomie zu stärken. Eine Beschneidung der gemeindlichen Einnahmen aus dieser Quelle durch eine abzuführende Umlage steht dazu im Widerspruch.

Die Gewerbesteuerumlage ist auch unter steuersystematischen Gesichtspunkten zu kritisieren. Denn mit der Gewerbesteuerumlage wurde nicht nur der Interessenzusammenhang zwischen Wirtschaft und Standortgemeinde geschwächt. Auch der Charakter der Gewerbesteuer als Gemeindesteuer wurde beschädigt. Die Gewerbesteuer wird seitdem immer mehr als eine Gemeinschaftssteuer von Bund, Ländern und Gemeinden verstanden.

Der Wegfall der Gewerbesteuerumlage führte zu Mindereinnahmen von 1,6 Mrd. Euro beim Bund und von 5,4 Mrd. Euro bei den Ländern und demzufolge zu Mehreinnahmen in Höhe von 7,0 Mrd. Euro bei den Kommunen.

„Aktiv werden für eine soziale Antikrisenpolitik!“ - Beschluss des Gewerkschaftsrates vom 5. Dezember 2008

Mit großer Sorge verfolgt die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft die sich täglich verschlechternde Lage der Wirtschaft. Kamen die Hiobsbotschaften zuerst von den Finanzdienstleistungen so folgen tagtäglich weitere Branchen. Die weltweite Krise auf den Finanzmärkten verzahnt sich mit einer weltweiten Wirtschaftskrise und droht damit zur schwersten Krise seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 zu werden.

Diese Krise ist zunächst eine konjunkturelle Krise, wie sie seit dem 19. Jahrhundert die kapitalistische Wirtschaftsentwicklung prägen. In Deutschland hatte nach dem Einbruch 2001 erst 2004 ein schwacher Aufschwung eingesetzt, der nun in 2008 bereits wieder zu Ende ist. Anders als alle vorangegangenen Aufschwünge ist er bis zuletzt bei der Mehrheit der Menschen nicht angekommen. Während die Gewinne und Vermögenseinkommen preisbereinigt um 35 Prozent gewachsen sind, liegen die Realeinkommen der Beschäftigten um drei Prozent unter dem Niveau des Jahres 2000. Folge war eine Stagnation des privaten Konsums trotz Aufschwung. Ursache ist auf Basis der anhaltenden Massenarbeitslosigkeit die Lohndumpingpolitik der Hartz-Reformen und der Agenda 2010. Durch eine verfehlte Politik wurde so der Aufschwung geschwächt und vorzeitig abgewürgt.

Wir haben es auch mit einer weltweiten Krise der Finanzmärkte und Banken zu tun. Ihr Ausgangspunkt war das Platzen der Spekulationsblase auf dem US-Immobilienmarkt. Völlig unzureichend regulierte internationale Geschäfte mit auf Immobilienkrediten beruhenden Wertpapieren und ihre gegenseitige Abhängigkeit haben Banken in aller Welt in den Abgrund gerissen.

Der letzte Grund der Finanzkrise ist allerdings der gewaltige Überschuss an Anlage suchen dem Kapital, der zur Entwicklung gigantischer Spekulationsblasen führt, die irgendwann platzen müssen. Die Quellen dieses Kapitalüberschusses sind die fortschreitende Umverteilung von unten nach oben in den entwickelten kapitalistischen Ländern wie Deutschland, die riesigen Exportüberschüsse Chinas, Japans, Deutschlands und der ölexportierenden Länder sowie das Wachstum der Pensionsfonds in Folge fortschreitender Privatisierung von Altersvorsorgesystemen. Die Kehrseite ist eine riesige Verschuldung der USA, die auf Pump einen Großteil der weltweiten Überschüsse konsumieren.

Doch nicht nur ökonomisch ist das bisherige weltweite Wachstumsmodell nicht nachhaltig. Die Energie- und Klimakrise spitzt sich zu. Die Nahrungsmittelpreise steigen und Hungersnöte nehmen wieder zu, Armut und Einkommensungleichheit wachsen.

Die Politik der Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung, der Umverteilung von unten nach oben und der Demontage des Sozialstaats, die die Entwicklung der letzten Jahre und Jahrzehnte bestimmt hat, ist weltweit gescheitert. Der ideologische und politische Bankrott des Neoliberalismus ist offenkundig.

Die Politik muss jetzt handeln

Die Politik in den entwickelten Ländern ist dem drohenden Zusammenbruch der Finanzsysteme mit massiven Rettungsaktionen entgegen getreten. Für Bürgschaften und Kapitalhilfen wurden weltweit etwa drei Billionen Euro zur Verfügung gestellt, allein in Deutschland knapp 500 Milliarden Euro. Wenngleich dies grundsätzlich wegen der unabsehbaren Auswirkungen auf Arbeitsplätze und Gesamtwirtschaft unumgänglich gewesen sein mag, ist die Ausgestaltung der Maßnahmen nicht akzeptabel. Verluste und Risiken werden der Gesellschaft und damit letztlich der Mehrheit der Bevölkerung aufgeladen, anstatt die Verantwortlichen und Profiteure des vergangenen Spekulationsbooms heranzuziehen. Die geforderten Gegenleistungen und die Einflussnahme des Staates auf die künftige Geschäftspolitik der Banken sind völlig unzureichend.

Es bedarf einer entschiedenen Re-Regulierung für den Bereich der Banken und der Finanzmärkte. Es muss mehr Transparenz und mehr internationale Zusammenarbeit und Aufsicht geben. Die Kernprobleme und Ursachen der Spekulation müssen angegangen werden. Ob dazu die begonnene internationale Zusammenarbeit der G20, dies leisten wird, bleibt abzuwarten. Nach der Japankrise und Mexikokrise wurden nur unzureichende Maßnahmen eingeleitet. Wir müssen deshalb den Druck auf die Politik und Regierenden weiterhin aufrecht erhalten und erhöhen. Es müssen jetzt nachhaltige Maßnahmen zur Regulierung der Banken und Finanzmärkte ergriffen werden.

Angesichts der absehbaren schweren Rezession ist es jetzt entscheidend, mit groß dimensionierten Konjunkturprogrammen die realwirtschaftliche Nachfrage zu stabilisieren und so die Arbeitsplätze zu schützen. Sonst wird auch der „Schutzschirm“ für die Banken wenig bringen. Während andere große Länder wie die USA, Japan und China die Konjunktur mit jeweils Hunderten Milliarden Euro stützen, hat die deutsche Regierung lediglich ein Miniprogramm mit etwa 10 Milliarden Euro über zwei Jahre aufgelegt. Ein Großteil der Maßnahmen sind zudem Steuer- und Kreditvergünstigungen für Unternehmen und andere Subventionen, deren Wirkungen zweifelhaft sind. Zusätzliche öffentliche Investitionen und öffentliche Beschäftigung, mit denen sich Wirtschaft und Beschäftigung nachweislich am weitaus wirksamsten und sinnvollsten steigern lassen, spielen nur eine geringe Rolle. Offensichtlich geht eine Mehrheit der politischen Kräfte davon aus, mit lediglich kosmetischen Korrekturen die bisherige neoliberale Politik fortsetzen zu können.

Gewerkschaftliche Ziele und Alternativen

ver.di tritt gemeinsam mit den anderen Gewerkschaften, sozialen Kräften und Bewegungen in der Gesellschaft für einen grundlegenden Politikwechsel ein – in Deutschland und im Weltmaßstab. Der Neoliberalismus muss auch in der politischen Praxis und den Strukturen der Staaten, der Europäischen Union und der internationalen Institutionen überwunden werden.

Wir wollen durchsetzen, dass die Rechte der abhängig Beschäftigten erweitert und gute Arbeit für alle gesichert bzw. ermöglicht wird. Vermögen und Einkommen müssen von oben nach unten, zugunsten der arbeitenden Menschen und der Armen umverteilt werden.

Wir fordern eine Sozialstaatsoffensive, die auf der nationalen wie der europäischen Ebene dem Wohlfahrtsstaat wieder zu seinem Recht verhilft: Wir wollen einen aktiven Sozialstaat, der die öffentliche Daseinsvorsorge und Daseinsfürsorge in öffentlicher Verantwortung und auch in öffentlichem Eigentum im Interesse der Bürgerinnen und Bürger wieder ausbaut und für alle gut und professionell organisiert. Wir wollen einen Sozialstaat, der auf der Basis der Solidarität die Menschen vor den großen sozialen Risiken schützt, wirksam Armut und Ausgrenzung bekämpft und für ein Bildungssystem sorgt, dass allen gleiche Chancen eröffnet. Wir wollen einen Sozialstaat, der gerecht finanziert wird.

Wir wollen ein europäisches Sozialmodell durchsetzen, das diese Bezeichnung verdient. Wir setzen uns ein für internationale Zusammenarbeit und Solidarität in einer neuen Weltwirtschaftsordnung, die Hunger überwindet und die nachhaltige Entwicklung aller Länder fördert. Weltweite gemeinsame Anstrengungen sind notwendig, um die Energieversorgung, die Produktions- und Lebensweise ökologisch verträglich umzubauen. Wir brauchen einen weltweiten sozial-ökologischen „Green New Deal“. Die Vorherrschaft des Finanzkapitals über die Wirtschaft muss beendet werden.

Auf allen Ebenen muss die demokratische Gestaltung der Verhältnisse durch die Menschen erweitert werden. Aktuell geht es vor allem darum, eine entschieden soziale Politik gegen die Krise und einen Richtungswechsel hin zu einer Politik durchzusetzen, bei der die Interessen der arbeitenden Menschen und der Mehrheit der Bevölkerung im Mittelpunkt stehen. ver.di stellt die Finanzkrise und deren Auswirkungen auf die große Mehrheit der Bevölkerung ins Zentrum des gewerkschaftlichen Handelns aller Gliederungen der Organisation und startet eine Kampagne zur Sicherung der sozialen und ökonomischen Interessen der Menschen. Erster Höhepunkt dieser Kampagne sind die europaweiten Demonstrationen im Mai 2009, die der EGB in diesen Tagen beschlossen hat. Für uns stehen dabei folgende Elemente eines Alternativprogramms im Mittelpunkt:

  • Ein öffentliches Konjunktur- und Zukunftsinvestitionsprogramm von 50 Milliarden Euro jährlich in den nächsten drei Jahren. Damit können weit über eine Million sinnvolle Arbeitsplätze in Kinderbetreuung, Bildung und Wissenschaften, Gesundheits- und Sozialwesen, Verkehr und ökologischem Umbau geschaffen werden. Es muss zunächst zur Konjunkturankurbelung über Kredit finanziert werden. Dabei wird sich das Programm durch seine Wachstums- und Beschäftigungswirkungen zu über 50 Prozent selbst finanzieren. In den folgenden Jahren ist es über sozial gerecht erhöhte Steuereinnahmen zu finanzieren.
  • Die Bundesregierung muss Maßnahmen ergreifen, die zu einer schnellen Stärkung der Nachfrage auf dem Binnenmarkt führt. Mit der Ausgabe von Gutscheinen (Barschecks) in Höhe von 500 Euro mit sozial gestaffelten Bedingungen an die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland, wäre dies schnell möglich. Ein Teil des Wertes kann an den Kauf energiesparender Geräte gebunden werden.
  • Die Umsetzung der ver.di-Vorschläge zur Reform der Lohn- und Einkommensteuer würde ebenfalls zu einer Entlastung von Durchschnittsverdienenden um gut 1.000 Euro pro Jahr führen. Die Entlastung von Gering- und Durchschnittsverdienern wird in unserem Konzept zumindest teilweise durch eine stärkere Besteuerung von Steuerpflichtigen mit hohem Einkommen gegenfinanziert.
  • Es ist eine dauerhaft höhere Besteuerung großer Vermögen und Erbschaften, hoher Einkommen und Unternehmensgewinne erforderlich. Die Reichen müssen zur Finanzierung der Lasten der Krise herangezogen werden. Das hoch konzentrierte private Vermögen muss gerechter verteilt werden. Damit wird auch der Zustrom von Geld auf die Finanzmärkte vermindert und durch die öffentliche Verwendung die binnenwirtschaftliche Nachfrage gestärkt.
  • Die Banken und das gesamte Finanzsystem müssen einer strengeren Aufsicht unterworfen und wesentlich stärker reguliert werden. Die Politik muss Druck ausüben, dass aus den Ankündigungen des Weltfinanzgipfels Taten werden: jeder Akteur, jedes Produkt und jede Institution muss kontrolliert, hoch risikobehaftete Geschäfte verboten werden. Alle Risiken müssen bilanziert und hinreichend mit Eigenkapital unterlegt werden. Die Politik muss nun Druck ausüben, dass ausreichend Kredite für Unternehmen und Verbraucher vergeben werden. Die Banken müssen schnell auf die Aufgabe zurückgeführt werden, die ihnen zukommen: Die Versorgung mit Geld und Kapital für Unternehmen und Verbraucher. Öffentliche und gemeinwirtschaftliche Banken müssen gestärkt werden.
  • Über eine wirksame Regulierung hinaus brauchen wir eine neue Ordnung der Weltwirtschaft und des Weltfinanzsystems, das auch durch feste Wechselkurse neue Spekulationen verhindert und für eine gleichgewichtiges nachhaltiges und umweltverträgliches Wachstum sorgt. Alle Finanzmarktumsätze müssen einer Steuer unterworfen werden und Geschäfte mit Steueroasen müssen unterbunden werden. Die Politik darf sich nicht länger dem Diktat der globalen Finanzmärkte beugen – sie muss das Heft wieder in die Hand nehmen.
  • Kapitalhilfen an private Unternehmen müssen grundsätzlich als vollwertige öffentliche Beteiligungen mit Stimmrecht vergeben werden. Alle öffentlichen Hilfen sind an beschäftigungspolitische und soziale Bedingungen zu knüpfen.
  • Der öffentliche Sektor muss durch bessere Finanzausstattung der Kommunen gestärkt werden. Weitere Privatisierungen darf es nicht geben. Daseinsvorsorge und Infrastruktur sind öffentliche Aufgaben und gehören in öffentliche Hand. Die
    Möglichkeiten der wirtschaftlichen Betätigung von Kommunen sind auszuweiten, Rekommunalisierungen sind zu prüfen.
  • Die Krankenhäuser brauchen eine ausreichende Finanzierung, die nicht durch die Entwicklung der Lohnsumme begrenzt ist. Der Budget-Deckel muss weg. In der Krankenversicherung muss zur vollen paritätischen Finanzierung zurückgekehrt werden.
    Das Arbeitslosengeld II muss auf mindestens 420 Euro erhöht und der Zumutbarkeitsschutz wieder hergestellt werden.
  • Ein gesetzlicher Mindestlohn von 7,50 Euro muss unverzüglich eingeführt werden, der schnell auf neun Euro angehoben wird.
  • Lohndumping muss durch Einschränkung der Leiharbeit und gleiche Bezahlung sowie Einschränkung der Befristungsmöglichkeiten bekämpft werden. Die Tarifverträge sind durch erleichterte Allgemeinverbindlichkeit und Tariftreueregelungen bei öffentlichen Aufträgen zu stärken.
  • Wir fordern die Unternehmen der Leiharbeitsbranche auf, Massenentlassungen zu stoppen. Vor allem die großen Verleiher wie Adecco und Randstad stehen in der Pflicht, ihre Arbeitskräfte zu behalten. Wir fordern die Bundesregierung auf, sofort das Synchronisationsverbot wieder einzuführen, das die Entlassung von Leiharbeitern nach Ende ihres Auftrages verbietet. Wir fordern vom Bundesarbeitsminister eine Anordnung an die Arbeitsagenturen, Massenentlassungen aus der Leiharbeit so lange wie möglich zu verhindern.
  • Die Rente mit 67 und die Kürzungsfaktoren in der Rentenformel sind zurückzunehmen, geringe Einkommen und Zeiten des Arbeitslosengeld II-Bezugs in der Rente besser abzusichern.
  • Die europäische Arbeitszeitrichtlinie und das Arbeitszeitgesetz müssen grundlegend verbessert werden. Die durchschnittliche wöchentliche Höchstarbeitszeit muss auf 40 Stunden verkürzt und weitere Arbeitszeitverkürzungen öffentlich gefördert werden.

Gewerkschaftliches Handeln

Die Durchsetzung gewerkschaftlicher Forderungen und Alternativen zur herrschenden Politik erfordert politischen Druck durch soziale Mobilisierung. Die Auseinandersetzung mit der Wirtschafts- und Sozialpolitik, die Entwicklung und Vertretung eigenständiger Positionen, die Aufklärung und die Mobilisierung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer für ihre Interessen ist ständige gewerkschaftliche Aufgabe auf allen Ebenen und in allen Fachbereichen. Das Dogma des Neoliberalismus von den freien Märkten, die allen Wohlstand bringen, ist unglaubwürdig geworden. Jetzt ist die Zeit gekommen, um für eine andere, eine sozial gerechte, solidarische und ökologisch verantwortungsvolle Politik zu mobilisieren. Ver.di ruft alle Mitglieder auf, in den Betrieben und Verwaltungen, in der Arbeit wie in der Freizeit für diese Politik zu werben. Dabei suchen wir Bündnisse mit Sozialverbänden, Kirchen, sozialen Initiativen und Bewegungen.

Alle VertreterInnen der ver.di müssen auf Betriebs-, Personal- oder Mitgliederversammlungen die Wirtschafts- und Finanzmarktkrise thematisieren und die gewerkschaftlichen Perspektiven aufzeigen. Dazu werden wir einen Redebaustein anbieten. In der Bildungsarbeit wird das Thema in den Seminaren aufgegriffen und für die Teilnahme an den gewerkschaftlichen Aktivitäten geworben. Wir müssen zu unseren ureigenen Themen den Zusammenhang zur Finanzmarktkrise herstellen und die Ursachen benennen. Dabei spielt die Einkommens- und Vermögensverteilung eine entscheidende Rolle. Wir brauchen gerade jetzt höhere Einkommen für die Menschen.

In der Tarifpolitik gilt: Gerade jetzt müssen wir für Einkommenssteigerungen eintreten. In den vergangenen Jahren sind hohe Gewinne erzielt worden und die Steuereinnahmen gestiegen. Eine Steigerung der Löhne zu Lasten der Gewinne wird dazu führen, dass weniger Geld ins globale Finanzcasino fließt und mehr in den inländischen Konsum. Dies stützt Nachfrage und Konjunktur und leistet damit einen Beitrag zur Sicherung von Arbeitsplätzen. Gerade in Deutschland kommt es darauf an, die Binnennachfrage zu steigern und die einseitige Abhängigkeit von immer höheren Exportüberschüssen abzubauen.

Aber auch die skandalösen Niedriglöhne müssen thematisiert und mit unserer Kampagne „Stimmen für den Mindestlohn“ muss für die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns geworben werden.

Wir werden die bevorstehenden Wahlkämpfe zum europäischen Parlament und zum Bundestag nutzen, um – auch in den Parteien – Druck für unsere Forderungen zu machen. Wir werden die Parteien und die Kandidatinnen und Kandidaten mit unseren Positionen konfrontieren und ihre Unterstützung einfordern. Wir werden eigene Veranstaltungen und Aktionen im Wahlkampf z. B. für den gesetzlichen Mindestlohn durchführen, um die Wählerinnen und Wähler für unsere Forderungen und Argumente anzusprechen und zu gewinnen.

Die ver.di hat, gemeinsam mit attac Europa, den Friends of Earth Europe und anderen am 10. Januar 2009 nach Paris eingeladen, um über die Konsequenzen aus der Wirtschafts- und Finanzkrise zu diskutieren, um eine Verständigung über die weitere Vorgehensweise auf der europäischen Ebene zu erreichen.

Der EGB hat auf starken Druck des DGB, der Uni Europa und anderer deutschsprachiger Gewerkschaftsverbände erreicht, dass ein europäischer Aktionsplan beschlossen wurde. Dieser sieht vor, dass für den 1. Mai mit den Schwerpunkten Europa und Wirtschafts- und Finanzkrise mobilisiert werden soll und RednerInnen im europäischen Raum ausgetauscht werden. Darüber hinaus soll der EGB am 4. Dezember 2008 beschließen, dass in mehreren europäischen Städten Demonstrationen im März/Mai 2009 stattfinden. Dazu werden wir Materialien entwickeln.

Der DGB Bundesvorstand hat einen Kapitalismuskongress beschlossen, auf dem über die zu ziehenden Konsequenzen aus der Wirtschafts- und Finanzmarktkrise diskutiert werden soll. Die ver.di wird sich für einen offenen Kongress einsetzen, der noch im Frühjahr 2009 stattfindet.

Die ver.di wird für den attac Kongress aufrufen, der vom 6. bis 8. März 2009 in Berlin stattfindet.

Wir werden den Versuchen, die Lasten der Krise auf die Beschäftigten und die Mehrheit der Bevölkerung abzuwälzen, mit aller Entschiedenheit entgegen treten. Der ver.di Bundesvorstand wird sich für Aktionen und Demonstrationen im ersten Halbjahr 2009 einsetzen, die möglichst gemeinsam mit den Gewerkschaften in Europa organisiert werden sollen.

Die europäische und internationale Zusammenarbeit und Entwicklung gewerkschaftlicher Gegenmacht muss gestärkt werden. Verstärkt sind Formen international abgestimmter Aktionen für eine soziale Politik in Europa zu entwickeln.

 

Pekinger Erklärung anlässlich des ASEM-Gegengipfels des Asia-Europa People's Forum

Die globale Wirtschaftskrise als historische Chance für einen echten Wandel

Öffnet einen externen Link in einem neuen FensterDie deutsche Fassung der Erkärung kann hier nachgelesen werden.

Die Krise der WestLB AG - Ursachen und weitere Perspektive

Rüdiger Sagel, MdL DIE LINKE

von Hubertus Zdebel / Rüdiger Sagel

In der never-ending-story um die WestLB ist im letzten Jahr ein neues Kapitel geschrieben worden.

Schon die Anfang 2007 bekannt gewordenen Spekulationen mit sog. "Spread Geschäften" in Vorzugs- und Stammaktien von VW; BMW und Metro, hatten der WestLB einen Verlust von 600 Millionen Euro beschert. Im Herbst 2007 kam dann raus, dass die WestLB voll in den Strudel der sog. "Subprime-Krise", den hochspekulativen Handel mit Hypothekenkrediten, geraten ist und dabei Verluste in Milliardenhöhe "erwirtschaftet" hat. Die Bank soll nun einseitig auf dem Rücken der Beschäftigten, der Sparkassen und der SteuerzahlerInnen saniert werden. Im Schatten der Krise steht der gesamte öffentlich-rechtliche Sparkassensektor in NRW zur Disposition.

Nur scheibchenweise kommt ans Licht, wie hoch die Verluste bei der WestLB in Wirklichkeit sind: Noch Ende August 2007 ging der Vorstand der WestLB AG davon aus, dass aus der Krise an den US-Immobilienmärkten - soweit sie sich nicht drastisch verschärfen sollte - im zweiten Halbjahr 2007 keine größeren Ausfälle entstünden. Mitte November 2007 war dann von einem dreistelligen Millionenbetrag die Rede, dann sollte es eine Milliarde € sein, jetzt mussten die Eigentümer einen sogenannten "Risikoschirm" von 5 Mrd. € über die WestLB spannen, um die Insolvenz abzuwenden. Diese Abschirmung scheint arg knapp bemessen denn die von der "Subprime-Krise" betroffenen Portfolien der WestLB haben einen Wert von nominal 23 Mrd. €. Diese sind jetzt in eine Zweckgesellschaft mit dem schönen Namen "Phönix light" -mit Sitz in Irland- ausgegliedert worden. Eine fragwürdige Konstruktion. "Bilanztricks retten die WestLB", titelte das Handelsblatt zutreffend am 3.4.2008.

Spekulationsskandale völlig ungeklärt

In Folge der Milliarden-Zockerei musste der Vorstandsvorsitzende Thomas Fischer gehen und auch der Aufsichtsratsvorsitzende Rolf Gerlach legte alles andere als freiwillig vorzeitig sein Amt nieder, genauso wenig wie der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Norbert Emmerich. Inzwischen ist auch der Nachfolger von Fischer, Alexander Stuhlmann, schon wieder weg. Er wurde zum 1. Mai 2008 von Heinz Hilgert abgelöst, der damit der sechste Vorstandsvorsitzende der WestLB innerhalb der letzten sieben Jahre ist.

Die Personalrochaden sollen vergessen machen, dass die Ursachen für die WestLB-Pleite in keinerlei Form aufgeklärt sind. Finanzminister Linssen musste am 25.8.2008 auf Nachfrage des Landtagsabgeordneten Rüdiger Sagel (DIE LINKE.NRW) einräumen, dass noch immer keine abschließende Stellungnahme der BaFin in Sachen Prüfung von sog. "Spread Geschäften" in Vorzugs- und Stammaktien von VW; BMW und Metro vorliegt. (Vgl. Landtag NRW, Vorlage 14/2025) Ungeklärt ist vor allen Dingen, welche Rolle die Landesregierung bei dem Zustandekommen des größten Finanzdesasters des Landes NRW gespielt hat.

Leidtragende der Milliarden-Zockerei sind in erster Linie die Beschäftigten. 1.350 der 5.900 MitarbeiterInnen bei der WestLB sollen entlassen werden. Die Kosten werden den SteuerzahlerInnen aufgebürdet. Allein auf die Kommunen kommen Millionenausfälle zu: Rückgänge bei der Gewerbesteuer, drastische Rückgänge bei Gewinnausschüttungen, weniger Zuweisungen an die Stiftungen sowie Belastungen der beiden Landschaftsverbände für deren WestLB-Anteile, die in den nächsten Jahren über die Landschaftsverbandsumlage ebenfalls von den Kommunen zu tragen sind.

Tiefere Ursachen: Wegfall von Gewährträgerhaftung und Anstaltslast

Zweifelsohne müssen für die Spekulationsskandale die hoch dotierten WestLB-Vorstände, die sich als Masters of the Universe aufspielten und als Nieten in Nadelstreifen endeten, sowie die Aufsichtsgremien, die die Personalentscheidungen und Geschäftspläne durchgewinkt haben, in Haftung genommen werden. Genauso wichtig für die Beurteilung der Vorgänge ist aber die Tatsache, dass der WestLB seit dem Wegfall von Gewährträgerhaftung und Anstaltslast ein stimmiges Geschäftsmodell fehlt.

Zur Erinnerung: Bis 2001 galten Landesbanken wie die WestLB als Quasi-Staatsbanken, konnten somit praktisch nicht Bankrott gehen und hatten aufgrund dieses geringen Ausfallrisikos sehr günstige Refinanzierungsbedingungen. Das änderte sich, als die Europäische Bankenvereinigung, gesteuert durch die Deutsche Bank, gegen diese gesetzliche Absicherung der Öffentlichen Banken vorging. Sie erhob eine Beschwerde bei der EU-Wettbewerbskommission gegen die WestLB. Wichtigstes Argument der Privatbanker: Die im damaligen NRW-Sparkassengesetz festgelegte unbegrenzte Haftung des Landes, als Eigentümer für die WestLB - Anstalt öffentlichen Rechts, verstoße gegen europäisches Recht. Denn die unbegrenzte Haftung des Landes für die Verbindlichkeiten der WestLB sei angeblich eine verbotene Beihilfe gemäß Artikel 87 des EU-Vertrages. Der damalige Vorsitzende der EU-Wettbewerbskommission, Kommissar Monti, schlug sich auf die Seite der Privatbanken und signalisierte eine Entscheidung zugunsten der Beschwerde der Privatbanken. Um Schlimmeres zu verhindern, verständigte sich die Bundesregierung mit der Europäischen Kommission im Juli 2001 auf Änderungen im Sparkassen- und Landesbankenrecht, die die Abschaffung von öffentlicher Anstaltslast und Gewährträgerhaftung bis Ende 2005 beinhalteten. Damit war das bis dahin gut funktionierende Geschäftsmodell der Landesbanken, mittlere und große Finanzierungen zu vergleichsweise günstigen Zinsen anbieten zu können, weitgehend hinfällig (vgl. Artikel Axel Troost).

2002 wurde die Abschaffung von öffentlicher Anstaltslast und Gewährträgerhaftung auch in NRW gesetzlich umgesetzt. Die damalige rot-grüne Landesregierung ging sogar noch darüber hinaus: Die bisherige WestLB wurde aufgespalten. Das eigentliche Fördergeschäft wurde aus der WestLB in eine eigene Förderbank, die weiterhin öffentlich-rechtliche "NRW-Bank", ausgegliedert; Eigentümer sind das Land NRW (64,74 %) und die Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen-Lippe (jeweils 17,63 %). Die WestLB wurde zur reinen Geschäftsbank und von einer Anstalt öffentlichen Rechts in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Sie unterliegt seitdem dem Aktienrecht und ist also den Aktionären verpflichtet. Anteilseigner der WestLB AG sind die NRW-Sparkassen (50,6 %) das Land NRW (knapp 38 %) und die Landschaftsverbände (12 %). Häufig ist eine solche Umwandlung zu einer AG nur der erste Schritt zur Privatisierung. Der öffentliche Auftrag geriet im Geschäftsmodell immer mehr in den Hintergrund.

Im Zuge der Krise bei den US-Immobilienfinanzierungen mit schlechter Bonität ("Subprime"), bei denen ja nicht nur die WestLB, sondern auch andere Landesbanken Riesenverluste erlitten haben, schrieb das Handelsblatt am 20.8.2007: "Hauptgrund für die starke Beteiligung an diesem Markt sind die Geschäftsmodelle der meisten Landesbanken. Das Breitengeschäft mit privaten Endkunden haben sich in der Regel - eine Ausnahme bildet die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) - die Sparkassen vorbehalten. Am anderen Ende der Skala dominieren die angelsächsischen Investmentbanken das margenstarke Geschäft mit Fusionen und Übernahmen (M&A) sowie die Begleitung von Börsengängen. So blieb den meisten Landesbanken nur ein relativ enger Korridor mit Spezialfinanzierungen, zumal die Gewinne aus der Kreditvergabe für den Mittelstand wegen des verschärften Wettbewerbs deutlich zurückgegangen sind. Und mit dem Verbundgeschäft für die Sparkassen können höchstens zehn bis 15 Prozent der Erträge bestritten werden."

"Vertikale Integration": Sparkassengesetznovelle ist Einfallstor für Privatisierung

Durch die o. g. Spekulationsskandale hat die Debatte über die Zukunft der WestLB dramatisch an Schärfe zugenommen. Die CDU-FDP-Landesregierung beabsichtigt - sozusagen im Windschatten der WestLB-Krise - weitere Restrukturierungsmaßnahmen, die nur ein Ziel haben: Die Schwächung und letztlich Zerschlagung des öffentlich-rechtlichen Sparkassensektors in NRW.

Kein Wunder, dass dabei die Variante einer „vertikalen Integration“ der Landesbank mit einigen Sparkassen der Region ausgiebig diskutiert wird. Das Handelsblatt schreibt dazu am 18.10.2007: "Bei diesem Modell würde die WestLB am Ende einen Zugang zu eigenem Privatkundengeschäft in großem Stil erhalten, was ihr bisher fehlt. Wenn man sich das Geschäftsmodell der WestLB ansehe, müsse jeder erkennen, dass das Endkundengeschäft fehlt ...In Sparkassenkreisen hieß es, man habe Befürchtungen, die Neuausrichtung der WestLB werde mit der Frage vertikaler Fusionen verbunden. Da die Novelle des NRW-Sparkassengesetzes noch nicht unter Dach und Fach ist, könnten noch entsprechende Weichenstellungen durch die Landesregierung erfolgen. Die Sparkassen sehen dann die Vorstufe zu einer Privatisierung von öffentlich-rechtlichen Instituten erreicht, weil der Erwerb von Sparkassen dann nicht auf die WestLB beschränkt bleiben würde."

Die Landesregierung konnte schon durchsetzen, dass die WestLB nicht nur das Geld, sondern auch das Geschäft der Sparkassen an sich ziehen kann. Die geplante Ausweitung des WestLB-Mittelstandsgeschäfts auf Kosten der Sparkassen und in Konkurrenz zu ihnen - bisher lag die Grenze bei 200 Mio. Euro, in Zukunft bei 50 Mio. Euro Umsatzvolumen - ist dazu ein erster Schritt.

Darüber hinaus hat die Landesregierung die Novellierung des Sparkassengesetzes noch vor der parlamentarischen Sommerpause in den NRW-Landtag eingebracht - trotz der ablehnenden Haltung der kommunalen Spitzenverbände, der Sparkassenverbände und Sparkassenvorstände sowie der Gewerkschaft ver.di, NRW.

Der von der Landesregierung am 20.5.2008 beschlossene Gesetzentwurf zur Novellierung des Sparkassengesetzes (Entwurf des "Gesetzes zur Änderung aufsichtsrechtlicher, insbesondere sparkassenrechtlicher Vorschriften" - Landtag NRW, Drucksache 14/6831) ist ein Einfallstor für die Privatisierung der Sparkassen.

Das neue Sparkassengesetz ist weder für die Sanierung der WestLB noch wegen der Änderung der Rahmenbedingungen für die öffentlichen Kreditinstitute erforderlich. Der Wegfall von Anstaltslast und Gewährträgerhaftung, mit denen Finanzminister Linssen u. a. die Gesetzesnovelle begründet, ist schon längst berücksichtigt. In Wahrheit geht es der Landesregierung darum, weitere Voraussetzungen für eine Zerschlagung des Sparkassensektors NRW zu schaffen.

Durch die im Gesetzentwurf vorgesehene Ausweisung von Trägerkapital in den kommunalen Bilanzen steigt die Gefahr, dass finanzschwache Gemeinden in Notlagen zum Verkauf ihrer Sparkassenanteile gezwungen werden, um ihre Haushalte auszugleichen. Dann könnten private Investoren Zugriff auf die Sparkassen bekommen. Auch wenn eine Übertragung des Trägerkapitals im Gesetzentwurf erstmal ausgeschlossen ist: Das Land öffnet damit die Tür zu einer möglichen Privatisierung der Sparkassen.

Die im Gesetzentwurf fixierte Möglichkeit zu vertikalen Fusionen zwischen Sparkassen und WestLB ist ebenfalls abzulehnen. Der Sparkassen- und Giroverband oder die Sparkassenzentralbank soll die Möglichkeit erhalten, auf Zeit die Trägerschaft an einer Sparkasse zu übernehmen. Das ist die Keimzelle für eine umfassende Vertikalisierung von Sparkassen und WestLB mit verheerenden Folgen für die Sparkassen und mittelständische Wirtschaft. Sie würde die Sparkassen zu Filialen eines Sparkassenkonzerns machen, bedroht die Selbstständigkeit der Institute und stellt damit eine der Stärken der Sparkassen in Frage, nämlich die Präsenz vor Ort sowie die daraus resultierenden Markt- und Kundenkenntnisse und -beziehungen. Ein enormer Arbeitsplatzabbau wäre zudem die Folge. Die WestLB hätte Zugang zu dem ertragreichen gewerblichen Kreditgeschäft der Sparkassen und stünde mit ihrer momentan kritikwürdigen Geschäftspolitik besser da, während die Sparkassen geschwächt würden und an regionaler Bindung verlören.

Abzulehnen ist auch die im Gesetzentwurf vorgesehene Lockerung des Regionalprinzips bei den Sparkassen. Große Sparkassen könnten dann kleine Häuser unterbieten und deren Existenz gefährden.

Die im Gesetzentwurf geregelte Fusion der beiden nordrhein-westfälischen Sparkassen- und Giroverbände bis spätestens Ende 2012 ist ebenfalls äußerst problematisch. Eine Verbandsfusion würde weitere Sparkassenfusionen mit Filialschließungen und Arbeitsplatzverlusten vor Ort nach sich ziehen.

Ein Antrag von Rüdiger Sagel, aber auch der SPD-Fraktion, in dem die Landesregierung aufgefordert wird, ihren Gesetzentwurf zum Sparkassengesetz zurückzunehmen, wurde am 28.8.2008 mit den Stimmen von CDU und FDP abgelehnt.

WestLB: Privatisierung durch die EU-Hintertür

Neben der "vertikalen Integration" von WestLB und Sparkassen gibt es auch Überlegungen zur „horizontalen Integration", sprich der Fusion der WestLB mit anderen Landesbanken und damit der Reduzierung der bestehenden Landesbanken auf wenige Institute. Die CDU-FDP ist aber auch offen für eine Teilprivatisierung der WestLB. Weder die von den NRW-Sparkassenverbänden favorisierte Fusion WestLB-LBBW noch die von Ministerpräsident Rüttgers betriebene und den Sparkassen aufoktroyierte Fusion WestLB-Helaba sind zustande gekommen. Wichtig in diesem Zusammenhang: Erstmals erklärten sich alle Anteilseigner der WestLB (Land NRW, die Landschaftsverbände sowie die Sparkassenverbände) in ihrer gemeinsamen 10-Punkte-Erklärung vom 12.12.2007, die die Aufnahme detaillierter Gespräche für einen Zusammenschluss zwischen WestLB und Helaba umfasste, "offen gegenüber Lösungen, die im Rahmen der Neuausrichtung des Geschäftsmodells auch die Beteiligung von Finanzinvestoren umfassen." Das bedeutet den Einstieg in die Privatisierung des öffentlich-rechtlichen Bankensektors in NRW.

Die EU-Kommission könnte der Landesregierung bei ihren Privatisierungsplänen wertvolle Schützenhilfe leisten. EU-"Wettbewerbs"-Kommissarin Neelie Kroes genehmigte zwar den infolge der Subprime-Spekulationen notwendig gewordenen Risikoschirm über 5 Mrd. Euro als Rettungsbeihilfe. Rettungsbeihilfen dürfen laut EU-Recht aber nur für maximal sechs Monate gewährt werden. Danach muss der Risikoschirm wieder abgezogen oder in Brüssel ein Umstrukturierungsplan vorgelegt werden. "Die EU-Kommission knüpft die Genehmigung längerfristiger Beihilfen meist an harte Auflagen, etwa den Verkauf von Unternehmensteilen oder die Aufnahme privater Investoren," analysiert das Handelsblatt.

Und genauso ist es jetzt gekommen. Für die dauerhafte Genehmigung der Risikoabschirmung fordert die EU-Kommission u. a. eine Veränderung der Eigentümerstruktur. Danach sollen die Eigentümer der WestLB bis zum 31.12.2008 eine Absichtserklärung mit einem oder mehreren Partnern vorlegen, wonach die Transaktion bis zum 30.9.2009 durchgeführt wird.

Aus einer Erklärung der WestLB vom 31.7.2008 geht hervor, dass der Aufsichtsrat der WestLB AG am 31.7.2008 einem vom Vorstand entwickelten Umstrukturierungskonzept für die künftige Ausrichtung der Bank zugestimmt hat. Und weiter wörtlich: "Das Konzept, dessen Kernpunkte im konstruktiven Dialog mit der EU-Kommission weiter abgestimmt werden, sieht das Ziel einer Eigenkapitalrendite vor Steuern von mindestens 14 % bis 2012 vor ... Die Eigentümer der Bank werden den Umstrukturierungsplan über das Finanzministerium Nordrhein-Westfalen und das Bundeswirtschaftsministerium der EU-Kommission zuleiten. Die darin enthaltenen Eckpunkte sehen unter anderem vor:

Die deutliche Straffung des Geschäftsmodells durch Fokussierung auf die Kernkompetenzen der Bank.

Den Ausbau des Verbundgeschäftes der Bank mit den Sparkassen.

Den deutlichen Abbau von Risikoaktiva und die nachhaltige Stärkung des Risikomanagements.

Kostenreduktionen in Höhe von mindestens 300 Mio. € durch signifikante Verbesserung der Prozesseffizienz.

Den Abbau von mindestens 1.350 Vollzeitstellen bis 2010.

Ferner haben die Eigentümer der Bank im Kontext der Diskussion mit der EU-Kommission erklärt, eine Veränderung der Eigentümer-Struktur in die Wege zu leiten. Dabei ist die Einbindung der Bank in den Konsolidierungsprozess der Landesbanken der bevorzugte Weg. Sollte dies nicht zeitnah zu realisieren sein, sind die Eigentümer für andere Wege offen.“

Damit droht die Privatisierung der WestLB durch die Hintertür. Der Anfang August in der Öffentlichkeit diskutierte Dreierbund WestLB-Dekabank-Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) ist inzwischen von Dekabank und Helaba abgelehnt worden. Andere Fusionspartner für die WestLB im Landesbankenbereich sind nicht in Sicht. Bleibt das so, sind die Eigentümer für andere Wege offen. Finanzminister Linssen hat in Beantwortung des o. g. Fragenkatalogs des Landtagsabgeordneten Rüdiger Sagel präzisiert, was darunter zu verstehen ist: Die Aufnahme von Verhandlungen mit privaten Investoren.

Eckpunkte für eine zukunftsfähige WestLB

Es ist völlig klar, dass wir als LINKE nicht ein konkretes Geschäftsmodell für die WestLB entwickeln können. Wir können aber Eckpunkte formulieren, die für ein zukunftsfähiges und gut funktionierendes Geschäftsmodell unabdingbar sind.

1. Für Die LINKE. NRW liegt das Primat auf dem Erhalt der öffentlich-rechtlichen Sparkassen, ihrer kommunalen Einbindung und einer Stärkung ihrer Gemeinwohlorientierung. Insofern gilt es die oben skizzierte, von der CDU-FDP-Landesregierung angestrebte, Sparkassengesetzesnovelle zu verhindern.

2. Die Zukunft der WestLB kann und soll nur in einem Geschäftsmodell liegen, die die Funktionen der Sparkassen nicht schwächen, sondern möglichst stärken. Bezüglich der weiteren Perspektive der WestLB sind alle Optionen innerhalb der öffentlich-rechtlichen Säule des Bankenwesens zu prüfen. Dazu gehört ausdrücklich auch die Prüfung des Erhalts der WestLB als eigenständige Landesbank (stand-alone-Lösung), denn der Erfolg einer Landesbank ist nicht von ihrer Größe abhängig. Eine Privatisierung der Landesbank, wie es die FDP fordert, muss auf jeden Fall verhindert werden.

3. Im Unterschied zu der Sparkassenebene ist eine verstärkte horizontale Zusammenarbeit zwischen Landesbanken ambivalent zu bewerten: Zwar führt sie zu Arbeitsplatzabbau; andererseits gibt es in der Tat derzeit viele Doppelarbeiten - z. B. im Auslandsgeschäft - und Ressourcen könnten effektiver eingesetzt werden. Insofern sind Maßnahmen, die die Effizienz des öffentlichen Bankensektors steigern, nicht grundsätzlich abzulehnen; sondern von den begleitenden Bedingungen abhängig, unter denen diese umgesetzt werden sollen.

Für eine Beurteilung einer solchen Kooperation sind die institutionellen Details wichtig. Insbesondere muss eindeutig geregelt werden, dass die Zusammenarbeit dem Verbund aus Sparkassen und Landesbanken zugutekommt und dass die fusionierten bzw. kooperierenden Landesbanken eine Geschäftspolitik im gesamtwirtschaftlichen Interesse und insbesondere im Interesse der betroffenen Bundesländer betreiben.

4. Für die laufende Geschäftspolitik der WestLB müssen regulative Rahmenbedingungen geschaffen werden, die einer einseitigen Orientierung der Institute an betriebswirtschaftlichen Kriterien entgegenwirken. Für die WestLB heißt das, sie von einer Aktiengesellschaft wieder in eine Anstalt öffentlichen Rechts umzuwandeln und ihre Geschäftspolitik an dem Ziel neu auszurichten, dass sie verstärkt auf ihre Funktion als Landesbank zurückgeführt wird, die als Zentralbank der Sparkassen für die Bürgerinnen und Bürger agiert und sich an den Finanzierungsbedürfnissen der regionalen Wirtschaft orientiert. Dabei sind die Schnittstellen zur öffentlich-rechtlichen NRW-Bank eindeutig zu definieren.

Über den NRW-Tellerrand hinaus denken und handeln

Darüber hinaus gilt es, nicht nur in NRW, sondern auf Bundesebene bzw. auf europäischer und internationaler Ebene Konsequenzen zu ziehen.

Um nur einige Aspekte aufzuwerfen:

Vordergründig ist die "Subprime"-Krise entstanden, weil finanzschwache Häuslebauer in den USA ihre Raten nicht mehr bezahlen können. Die eigentliche Ursache aber ist die politisch gewollte Liberalisierung und Deregulierung der Finanzmärkte. Die Gier nach hohen Profiten treibt die Jongleure auf den Finanzmärkten zu Geschäften mit höchstem Risiko wie dem Handel mit ungesicherten oder unzureichend gesicherten Hypotheken. Möglich ist das, weil die Deregulierung erlaubt, Kredite zu gewähren, in Tranchen zu zerlegen und - raffiniert umgepackt und möglichst mit einem Super-Rating der Ratingagenturen versehen - wieder los zu werden.

Die Ratingagenturen, die die Verbriefung von Hypothekendarlehen ja gemeinsam mit Finanzinvestoren erfunden haben und die daraus entwickelten "Sub primes" anschließend mit Superratings ausstatteten, sind zu regulieren und möglicherweise durch andere Institutionen zu ersetzen.

Die vonseiten der Bundesregierung unterstützte neoliberale Wettbewerbspolitik der EU hat maßgeblich zur Schwächung des öffentlich-rechtlichen Bankensektors beigetragen und muss beendet werden. (Zum Verständnis: Maßnahmen bei der WestLB sind nach EU-Recht nur zulässig, wenn sie den market-investor-Test bestehen. Das heißt, ein privater Investor müsste die gleiche Investitionsentscheidung getroffen haben.)

Banken mit Gemeinwohlauftrag wie der WestLB muss das hochriskante Treiben im globalen Finanzkasino verboten werden. Entsprechende Regelungen und Gesetze müssen umgehend eingebracht und zwingend durchgesetzt werden. Dabei sind auch die Rollen der Bundesbank und insbesondere der BaFin (Bundesaufsicht für Finanzdienstleistungen) aufzuklären, die zugelassen haben, dass die Landesbanken sich auf derartige windige Spekulationsgeschäfte eingelassen haben.

Münster/ Düsseldorf, 28.08.2008

Das Kasino schließen – Profiteure zur Kasse bitten – die Konjunktur stützen – Privatbanken vergesellschaften

Antragsteller: Ulla Lötzer, Ulrike Detjen, Bärbel Beuermann, Bernhard Sander, Michael Aggelidis, Christine Zett, Andrej Hunko, Rüdiger Sagel, Hubertus Zdebel

Die Kettenreaktion der Bankenpleiten droht nun auch die gesamte Volkswirtschaft in eine Krise zu reißen. Der Neoliberalismus steht vor dem Bankrott seiner Theorie, dass größt-mögliche Regellosigkeit die beste Voraussetzung für eine prosperierende Wirtschaft sei. Es waren die SPD und die Grünen, die mit der Steuerfreiheit von Veräußerungs-gewinnen, der Zulassung von Hedge-Fonds und anderen Gesetzen diese Situation mit heraufbeschworen hat. Es waren die SPD und die Grünen, die durch die Angriffe auf das Umlagesystem der Sozialversicherungen die Spekulation der Pensionsfonds genährt hat.

Die Bundesregierung hat ein Maßnahmepaket vorgelegt, dass zwar mit Hunderten Milliarden Euro die Finanzmarktstabilität sichern soll, aber keinen Euro für Konjunktur-maßnahmen beinhaltet. Staat und Regierung müssen sicherlich den Kollaps der Finanz-kreisläufe verhindern. Das kann aber nur gelingen, wenn sie auch das Casino schließen, den Ausstieg aus der Dominanz der Finanzinvestoren auch in der Realwirtschaft ermög-lichen und die Menschen vor dem Abschwung schützen. Alle Bedingungen für Inanspruch-nahme der Staatshilfe sind Kann-Aussagen, staatlicher Anteil, Vorschriften für Geschäfts-politik und Managergehälter, will die Regierung je nach Gusto frei entscheiden, auch ohne Einbeziehung des Parlaments. Die Kosten sollen die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler allein tragen.

Die Bundesländer, darunter auch NRW, haben bei der Umsetzung des Maßnahmepakets nichts zu sagen, sollen aber zu 35 % die Defizite übernehmen. Während Bund und Länder durch die Föderalismusreform II erhebliche Beschränkungen ihrer Verschuldungsgrenzen und damit auch neue Sparzwänge verordnet werden sollen, macht das Finanzmarktstabili-sierungsgesetz den Weg frei in ein neues Niveau der Staatsverschuldung, an der die Länder beteiligt werden sollen.

DIE LINKE. NRW begrüßt die einstimmige Ablehnung des Pakets der Bundesregierung durch DIE LINKE im Bundestag und im Landtag NRW. DIE LINKE. NRW missbilligt die
Zustimmung des rot-roten Senats im Bundesrat.

Als erste unmittelbare Konsequenz fordern wir, dass der Finanzmarkt durch den Staat
wieder stärker kontrolliert werden muss und dass Bankmanager auch mit ihrem Privat-vermögen für die angerichteten Schäden Verantwortung übernehmen müssen. Wir fordern die Offenlegung der Konten und Vermögensverhältnisse der Großaktionäre, Vorstände und leitenden Manager der in die Finanzkrise verwickelten Banken und Konzerne.

Das gesamte Privatbankensystem muss in öffentliches Eigentum überführt werden. Das
gesamte Bankensystem muss demokratisch kontrolliert werden. Damit kann erreicht werden, dass die gewaltigen Ressourcen der Banken wieder ihrem eigentlichen Zweck dienen, die Wirtschaft im Interesse der Mehrheit der Bevölkerung mit Krediten zu
versorgen.

Kurzfristig erhebt DIE LINKE. NRW folgende Forderungen:

1) Das Bankenrettungspaket darf nicht zulasten der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler gehen, zu Kürzungen bei den Sozialleistungen führen und seine Umsetzung darf nicht der Regierung und den Bankmanagern überlassen werden. Übergangsweise ist eine Sonderabgabe der Banken notwendig. Eine Vermögensabgabe zur Finanzierung des Rettungspaketes ist zwingend.

2) Beteiligung braucht Stimmrecht. Das Parlament ist bei den Maßnahmen einzubeziehen. Bedingungen für die Inanspruchnahme der Staatshilfe (staatliche Beteiligung am Finanz-institut zumindest in Höhe der Mittel, Eingriffe in die Geschäftspolitik, keine Dividenden-auszahlungen, Begrenzung der Managergehälter) sind zwingend vorzuschreiben.


3) Kommunen muss verboten werden mit Steuergeldern auf den Finanzmärkten zu
spekulieren.

4) Erhalt des eigenständigen Einlagesicherungs-Fonds der Sparkassen. Die Spargroschen der kleinen Leute dürfen nicht für die Spekulationsverluste im Finanzcasino verheizt werden. Wir fordern Ministerpräsident Rüttgers auf, das Finanzkapital nicht nur verbal anzugreifen, sondern das Einlagesicherungssystem der Sparkassen zu verteidigen.

5) Die Sparkassen dürfen nicht privatisiert werden. Die Sparkassengesetznovelle der NRW-Landesregierung muss sofort zurückgenommen werden. Der Verkauf der teil-öffent-lichen Postbank ist sofort zu beenden. Die Begehrlichkeiten der Finanzjongleure auf die Sparkassen werden zunehmen, da "letztere zur kurzfristigen Re-Finanzierung auf die Sparanlagen von Millionen Kleinsparern zurückgreifen können, während Investment-banken keine Spareinlagen haben und ausschließlich auf den Kapitalmarkt verwiesen sind" (S. W.)

6) Die Erhöhung der Zinsen für Studienkredite durch die KfW ist sofort rückgängig zu machen.

7) Die WestLB wird wieder zu einer Anstalt des öffentlichen Rechts und auf ihre primären Aufgaben (regionale Wirtschaftsförderung im eigentlichen Sinne) konzentriert. Ihr werden alle Spekulationsgeschäfte untersagt. Die Landesbanken sind übergangsweise gleich-berechtigt mit den Privatbanken in das Finanzmarktpaket einzubeziehen.

8) Wenn der Staat jetzt nicht damit beginnt die Konjunktur zu stützen, werden alle
Maßnahmen zur Stabilisierung des Bankensektors verpuffen. Wir fordern deshalb die sofortige Erhöhung der Massenkaufkraft durch Anhebung der Hartz-Regelsätze, die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns, die Anhebung der Altersrenten (z. B. durch staatliche Übernahme der Krankenkassenbeiträge), anständige Tariferhöhungen sowie ein 30 Milliarden-Investitionsprogramm für Bildung, Ganztagsschulen, den Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen, im Krankenhausbereich, in die öffentliche Infrastruktur, in den ökologischen Umbau der Gesellschaft sowie in Energieeinsparung und Energie-effizienz.

9) Alle Pläne der Föderalismuskommission für eine „Schuldenbremse“ sind sofort zu stoppen.

Mit dem Stabilisierungspaket müssen auch Maßnahmen zur Regulierung des Finanz-sektors, die jetzt auf der Tagesordnung steht, durchgesetzt werden:

1) Verbot aller spekulativen Elemente des gegenwärtigen Kreditsystems: Verbot von Leer-verkäufen, Verbot der Zulassung von Hedge-Fonds und REITs und der undurchsichtigen Verbriefung von Kreditforderungen sowie die Aufnahme aller daraus entstandenen Risiken in die Buchführung der Geschäftsbanken.

2) Banken müssen für die ausgegebenen Kredite und alle anderen Finanzaktiva Mindest-reserven bei der Zentralbank hinterlegen, die "flexibel so gestaltet werden können, dass spekulative Übertreibungen in bestimmten Marktsegmenten verhindert werden (z. B. durch hohe Sätze auf Immobilienkredite dann, wenn eine Immobilienpreisblase droht)".

3) Standardisierung der Finanztitel, um den "Informationsvorteil des Anbieters gegenüber dem Käufer zu relativieren, der dann besser über die mit dem Kauf verbundenen Risiken informiert ist". Damit verbunden muss ein öffentlich-rechtlicher Finanz-TÜV eingeführt werden.

4) Die Verursacher der Krise werden in die Verantwortung für die Beseitigung der Krise herangezogen. Das Steuersystem muss in mehreren Punkten geändert werden:

Einführung einer Steuer auf Finanztransaktionen, Rücknahme der Steuerbefreiung von Veräußerungsgewinnen bei Kapitalgesellschaften, striktere Einkommensbesteuerung bei den Besserverdienenden, eine Millionärssteuer um spekulative Sparformen (Beteiligung an Privat Equity und Pensionsfonds) zu unterbinden. Wir brauchen eine öffentlich-rechtliche Ratingagentur, die eigenständig die Erhebung und Bewertung der Daten nach noch zu definierenden sozialen, ökologischen und entwicklungspolitischen Kriterien vornimmt.

5) Viele dieser Maßnahmen brauchen einen internationalen Rahmen: Die Schließung der Steueroasen, ein neues System fester Devisenparitäten, Kapitalverkehrskontrollen usw. "Europa wird sich auf seine ganz andere, vom angelsächsischen Finanzmarktkapitalismus abweichende Tradition besinnen müssen und der Linken damit entgegen-kommen" (Edelbert Richter, attac) Noch immer sind soziale Errungenschaften und Regulierungen das Resultat sozialer Kämpfe gewesen. Darüber hinaus müssen auf europäischer und internationaler Ebene auch Maßnahmen zur Stabilisierung der Weltwirtschaft und zur Regulierung der Wirtschaft im Sinne sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit zu treffen.

AntragstellerInnen: Ulla Lötzer, Ulrike Detjen, Bärbel Beuermann, Bernhard Sander

Diese Anträge wurden auf dem Landesparteitag der LINKEN am 19.10.08 angenommen.

 

Macht die Finanzkrise einen Bogen um Duisburg?

Wird selig, wer es glaubt?

Die drei Anfragen der Ratsfraktion DIE LINKE zur Sitzung des Rates am 13.10.08, inwieweit die internationale Finanzkrise hinsichtlich gewisser Verträge und Geldanlagen auch Duisburg betrifft, wurden überwiegend in nichtöffentlicher Sitzung beantwortet. Die CDU-Fraktion wollte die Anfragen überhaupt nicht behandeln unter Hinweis auf den Tagesordnungsschwerpunkt Haushaltsentwurf. DIE LINKE sah das anders. Fraktionssprecher Hermann Dierkes: „Wir können nicht so tun, als mache die Finanzkrise einen großen Bogen um Duisburg und erst über die Folgen reden, wenn das Kind im Brunnen liegt.“

Als Fazit der Antworten auf ihre Fragen bleiben für die Linksfraktion große Fragezeichen bestehen, obwohl OB und Stadtkämmerer die Ansicht vertraten, es gebe keine Probleme.

Eine Anfrage bezog sich auf die bereits presseöffentliche Meldung, 30 Mio. € Finanzanlagen der städtischen Holding DVV bei der US-Pleitebank Lehman Bros. Diese seien zu hundert Prozent sicher. Eine weitere betraf die auch in Duisburg von einer Ratsmehrheit eingegangenen „Zinswetten“ (Zins-Swaps). Diese hätten sich bisher zum Vorteil der Stadtkasse ausgewirkt. Eine dritte Anfrage betraf das bereits 2003 unter Zieling/Brandt abgeschlossene „Cross Boarder Leasing“-Geschäft über die örtlichen Straßen- und Stadtbahnanlagen mit dem ebenfalls durch zahllose unseriöse Geschäfte zusammengebrochenen US-Versicherungskonzern AIG. Das Geschäft hatte ein Volumen von 1,5 Mrd. $. Diese sog. CBL-Verträge, die bis zu ihrem Verbot durch den US-Senat ab 12.3.04 und die Finanzverwaltung 2005 von vielen deutschen Kommunen getätigt wurden, waren reine Scheingeschäfte, um enorme Steuervorteile in den USA zu erlangen. Die US-Trusts und „Investoren“ gaben ihren hiesigen kommunalen Vertragspartnern zwischen 4 und 8 % ihres Gewinns ab. DIE LINKE hatte seinerzeit solche Verträge als einzige Ratspartei strikt abgelehnt. Etliche NRW-Kommunen mussten inzwischen einräumen, dass Verluste auf sie zukommen können, in dem Masse, wie ihre Vertragspartner auf der anderen Seite des Atlantiks in die Knie gehen und auch die entsprechenden Sicherungen bei weiteren Vertragsbanken versagen. Duisburg, so die Verwaltungsspitze, habe derzeit keine Probleme damit. DIE LINKE ist der Meinung, dass OB und Kämmerer aufgrund ihrer Verpflichtung aus der Gemeindeordnung von sich aus über die Lage und die Risiken berichten müssen und nicht erst dann, wenn der Kladderadatsch da ist.

Erklärung des Attac-Ratschlags am 12. Okt. 2008

Das Finanz-Casino schließen!

Seit mehr als einem Jahr tobt die Krise an den Finanzmärkten. Wann immer es heißt, das Schlimmste sei überstanden, folgt kurze Zeit später der nächste Bank-Kollaps, die nächste verzweifelte Rettungsaktion durch eine Zentralbank, der nächste Börsen-Absturz.

Diese Krise ist die schwerste Krise des Kapitalismus seit der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. Es handelt sich nicht um eine reine Finanzkrise – wir stehen mittlerweile vor einer schweren Weltwirtschaftskrise und mitten in einer tiefen sozialen und gesellschaftlichen Krise. Aktuell zeigt sich das krisenhafte kapitalistische System wieder einmal als unbeherrschbar.

Diese Krise ist keine Naturkatastrophe. Vordergründig ist sie die Folge des Platzens der Immobilienblase in den USA und des Zusammenbruchs der Kreditpyramide, die die Banken in den letzten Jahren aufgebaut haben.

Doch ist sie eben auch das Ergebnis eines Systems, in dem der gesellschaftliche Reichtum in Form von Kapital auf der Jagd nach Rendite um die Welt zirkuliert. Sie ist Folge der globalen Ungleichgewichte, die sich in den letzten Jahren immer weiter verschärft haben. Sie ist begründet in einer Politik, die bewusst die Deregulierung und Liberalisierung der Finanzmärkte vorangetrieben hat. Und sie ist die Folge der Umverteilung von unten nach oben, die überhaupt erst diese Art der Konzentration von Vermögen ermöglicht hat.

Über eine Billion Dollar mussten von den Banken bereits abgeschrieben werden, die Investmentbanken sind vom Erdboden verschwunden, das restliche Bankensystem ist tief erschüttert. Weltweit fallen die Aktienkurse.

Aber die wahren Betroffenen sind andere. Es sind unzählige AmerikanerInnen, die ihre Häuser oder Renten verloren haben. Es sind Millionen ArbeitnehmerInnen auf der ganzen Welt, die ihren Job verlieren werden. Es sind die Menschen in den Entwicklungsländern, die durch die drohende Weltwirtschaftskrise besonders hart getroffen werden. Und es ist die ganze Gesellschaft, die gigantische Summen in die Rettung von Banken stecken muss, während für das öffentlich Notwendige weiter das Geld fehlen wird. Das endgültige Ausmaß der Krise ist noch immer nicht klar. Aber schon jetzt ist klar: Die Zeit ist reif für einen Systemwechsel. Wir dürfen die Politik nicht damit davon kommen lassen, die Akteure des Finanzmarktkapitalismus in einen Zustand zu versetzen, das Spiel von neuem zu beginnen. Technische Reparaturen reichen nicht. Es ist Zeit für eine Wende. Die Menschen sind nicht länger bereit, den Irrsinn eines Systems zu ertragen, in dem steigender gesellschaftlicher Reichtum destruktive Krisen auslöst. Die Chance ist jetzt da, den Finanzmarktkapitalismus zu Grabe zu tragen! Dafür wird Attac mit allen Bündnispartnern für eine gesellschaftliche Bewegung mobilisieren.

Wir fordern:

Die Verursacher müssen zahlen!

Überall werfen derzeit die Regierungen das Geld der Steuerzahler den Banken in den Rachen, um den Kollaps des Bankensystems abzuwenden. Wir werden nicht akzeptieren, dass die Rettungsaktionen nun zulasten der sozial Benachteiligten oder der sozialen Infrastruktur gehen. Die Verursacher müssen zahlen. Wir fordern daher eine einmalige Sonderabgabe auf große Vermögen, um die Kosten der Krise zu finanzieren. Banken, denen der Staat mit öffentlichem Geld hilft, müssen durch eine Verstaatlichung auch unter öffentliche Kontrolle gestellt werden.

Die Banken entmachten!

Die Banken haben sich auf der Suche nach immer höheren Renditen von einer Dienstleistungsrolle für die Realwirtschaft gelöst und mit ihren Geschäften den Kollaps des ganzen Finanzsystems riskiert. Als Schlüsselbranche im Kapitalismus gehören sie unter öffentliche Kontrolle. Dabei geht es nicht darum, nur bankrotte Banken zu verstaatlichen, sondern gerade darum, finanzstarken Instituten demokratische Kontrollmechanismen aufzuzwingen. Daneben muss das öffentliche und genossenschaftliche Bankensystem gestärkt werden.

Finanzmärkte kontrollieren – ihre Macht brechen

Die Politik der letzten Dekaden hat bewusst zugelassen, dass sich große Teile der Finanzmärkte fernab jeglicher Kontrolle entfalten konnten. Die Entstehung eines Schattenbankensystems wurde nicht verhindert, der Entstehung neuer, gefährlicher Finanzinstrumente tatenlos zugesehen. Attac fordert, das Schattenbankensystem aus Hedge-Fonds, Zweckgesellschaften und anderen unregulierten Finanzakteuren muss verboten werden. Ein Finanzmarkt-TÜV muss eingerichtet werden, der neue Finanzinstrumente standardisiert und prüft, bevor diese gehandelt werden dürfen. Mit der Besteuerung aller Arten von Finanztransaktionen (inklusive von Devisentransaktionen) wollen wir Spekulation reduzieren und die Kurzfristorientierung der Finanzmärkte schwächen. Neben diesen Maßnahmen müssen die Finanzmärkte durch eine radikale Umverteilung geschrumpft werden.

Steueroasen schließen

Die Steueroasen spielen nicht nur bei der Steuerhinterziehung eine wichtige Rolle, sondern sind auch zentral für das Funktionieren des globalen Finanzmarkt-Casinos. Hier wurden unter Umgehung nationaler Regulierung Fonds aufgesetzt oder Zweckgesellschaften der Banken gegründet. Die Steueroasen müssen endlich geschlossen werden.

Das Öffentliche den Finanzmärkten entziehen!

Wer diese Krise ernst nimmt, kann nur die Konsequenz ziehen: Die öffentliche Daseinsvorsorge muss der Willkür und dem irrationalen Herdentrieb privater Investoren entzogen werden, und allein aus Gemeinwohlinteresse betrieben werden. Darum darf es keine weiteren Privatisierungen geben. Die Privatisierung der Bahn muss endgültig vom Tisch, der Gesundheitsfonds und die Privatisierung der sozialen Sicherungssysteme zurückgenommen werden. Insbesondere die Riester-Rente, die mit zur Aufblähung der Finanzmärkte beiträgt, muss durch eine solidarische Bürgerversicherung ersetzt werden.

Die Krise sozial bewältigen!

Unzählige Menschen werden in der kommenden Zeit von Arbeitslosigkeit und sozialer Verunsicherung betroffen sein. Während die Politik den Banken hilft, bleibt sie tatenlos, was die Folgen der Krisen für die Menschen betrifft. Wir fordern ein energisches Eingreifen, ein ökologisches Umbauprogramm und massive Investitionen in die soziale Infrastruktur, um die konjunkturellen Folgen sozial abzufedern.

Es ist deutlicher als je zuvor, dass wir grundsätzliche Alternativen zum derzeitigen Wirtschaftssystem brauchen. Diese Forderungen sind deshalb nur einen Anfang – ein Startschuss für einen offenen Prozess, in dem wir solche Alternativen im Dialog mit allen progressiven Kräften entwickeln wollen.

In den nächsten Wochen und Monaten wollen wir die Öffentlichkeit für eine andere Politik mobilisieren.

Zum Auftakt ruft Attac zu einer Protestkundgebung vor dem
Bundesfinanzministerium am 30. Oktober um 17 Uhr auf.

Unter dem Motto „Die Verursacher sollen selbst zahlen, holt das Geld von den Reichen“ werden wir Steinbrück auf die Pelle rücken.