
Am 1.8.2008 ist das neue Kinderbildungsgesetz, kurz KiBiZ, in Kraft getreten. Es löst das GTK (Gesetz über Tageseinrichtungen für Kinder) ab. Im Wesentlichen enthält es einen neuen Finanzierungsmodus. Bislang wurde ein bestimmter Anteil der tatsächlichen Betriebskosten einer Einrichtung vom Land gefördert. KiBiZ sieht eine Förderung in Form von sog. Kindpauschalen vor, deren Höhe vom Alter des Kindes und von der Anzahl der Betreuungsstunden abhängig ist. Die Eltern können wählen zwischen 25, 35 und 45 Stunden. Neben einigen Verbesserungen stellt das Gesetz Kitas und Kommunen vor erhebliche Probleme, die Kindertagesbetreuung auszubauen und gleichzeitig pädagogische Standards einzuhalten. Das Gesetz wurde gegen die Bedenken der Fachverbände und den Protest von Eltern und ErzieherInnen durchgesetzt. Immerhin konnten im Gesetzgebungsverfahren einige Vorschriften entschärft werden. Das Gesetz ist weiterhin sehr umstritten. Einrichtungen freier Träger klagen gegen die mangelnde Bezuschussung und fürchten um ihren Bestand. Von den Kitas wird ein hohes Maß an Flexibilität bei den Öffnungszeiten erwartet. Sie müssen die finanziellen Risiken tragen, wenn sie ihre Gruppen nicht voll bekommen oder Kinder im laufenden Jahr abgemeldet werden. Das wirkt sich auch nachteilig auf die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten aus. Eltern und ErzieherInnen werden weiter für bessere Voraussetzungen in der frühkindlichen Bildung kämpfen müssen. Wir beantworten die wichtigsten Fragen aus Elternsicht:
1 Verbessert sich das Platzangebot?
Die Ganztagsbetreuungsplätze für Kinder ab drei Jahren sind dieses Jahr massiv ausgebaut worden, weil mehr als 90 % der Eltern sich in der Befragung für die angebotenen Betreuungskontingente von 35 oder 45 Stunden entschieden haben. Eine Betreuungszeit von 25 Stunden ist für die meisten Eltern und Kinder wenig attraktiv, weil sie keine angemessene Berufstätigkeit ermöglicht und viele attraktive Angebote der Kitas erst im Nachmittagsbereich stattfinden. Das Ergebnis der Befragung macht deutlich, wie sehr bisher die Elternwünsche nach einer Ganztagsbetreuung vernachlässigt worden sind. Dabei gibt es schon seit vielen Jahren ein Recht auf einen Kindergartenplatz, der auch den Anspruch auf Ganztagsbetreuung umfasst. Plätze für Schulkinder fallen weitgehend weg, weil sie vom Land nicht mehr finanziert werden. Auch eine Betreuung über 45 Stunden wird nicht mehr angeboten und muss von Eltern umständlich und kostspielig selbst organisiert werden.
2 Wie sieht es mit den Plätzen für Kinder unter drei Jahren in Duisburg aus?
Mit KiBiZ sollen auch mehr Plätze für Kinder unter drei Jahren geschaffen werden. Hier herrscht in Duisburg ein eklatanter Mangel. Bislang gab es gerade einmal für 5,1 % der Kinder einen Platz in einer Einrichtung. Im ersten KiBiZ-Jahr werden es 9,1 % sein. Das leicht verbesserte Platzangebot geht im Wesentlichen darauf zurück, dass vermehrt Zweijährige in die altersgemischten Gruppen aufgenommen werden. Insgesamt rückläufige Kinderzahlen erlauben es, ihnen einen Platz zu geben, den man bislang noch für ältere brauchte. Umgekehrt heißt das: Wo die Plätze noch für viele Drei- oder Vierjährige gebraucht werden, wie zum Beispiel in Marxloh, gibt es weniger Plätze für Kinder unter drei.
Plätze für Kinder im Windelalter bleiben in ganz Duisburg eine Rarität. Die meisten Einrichtungen sind dafür nicht eingerichtet. Viele Eltern werden sich also trotz intensiver Suche auf Enttäuschungen vorbereiten müssen. Hier müssen in den nächsten Jahren erhebliche zusätzliche Investitionen erfolgen. 90 % der Kosten sollen von Bund getragen werden. Fragt sich nur, wie Kommunen und Träger den Rest aufbringen.
Alle Schätzungen gehen davon aus, dass mindestens jedes dritte Kind unter drei Jahren einen Platz benötigt. In Duisburg wird das nicht anders sein. Der Bedarf sollte nicht heruntergeschwindelt werden, nur weil Stadt und Träger sich das Ausbauprogramm nicht leisten können. Alle Eltern von kleinen Kindern müssen angesprochen, beraten und gefragt werden, welches Angebot sie benötigen.
3 Ist mein Kind nicht genauso gut bei einer Pflegemutter aufgehoben?
Um dem Mangel an Plätzen zu begegnen, setzt die Stadt dieses Jahr auf den Ausbau von Pflegestellen, sogenannten Pflegemüttern. Dafür sind in erster Linie finanzielle und organisatorische Gründe maßgeblich. Eine Pflegemutter kostet weniger und bringt die Räumlichkeiten direkt mit. Das Angebot kann aber pädagogisch nicht mit der qualifizierten Betreuung in einer Einrichtung verglichen werden. Wenn Eltern die Wahlmöglichkeit haben, werden sie sich im Interesse des Kindes in der Regel für das Angebot in einer Kita entscheiden. Hier werden für die 0 bis 2-jährigen besondere Gruppen eingerichtet, in denen Fachkräfte 10 Kinder betreuen. Der Personalschlüssel könnte besser sein. Trotzdem bietet die Krippe mehr als die Tagesmutter. Sie ist eine sinnvolle und wichtige Ergänzung zum Erziehungsbeitrag der Familie und keine Zweit- oder Ersatzfamilie. Wenn Kinder von Anfang an in die Kita kommen, wird ein Wechsel und Beziehungsabbruch vermieden. Die pädagogisch geschulten Kräfte in der Kita sind darauf vorbereitet, den besonderen Förderbedarf jedes Kindes zu erkennen und die Eltern in ihrem Erziehungsverhalten zu beraten und mit ihnen zu kooperieren.
4 Wird mein Kind im Kindergarten denn auch optimal gefördert?
KiBiZ spricht von Kinderbildung, was über die bloße Betreuung weit hinaus geht. Die Finanzierungsgrundlagen machen es den Einrichtungen aber sehr schwer, ihren Bildungsauftrag auch zu erfüllen. KiBiZ bringt keine Verbesserungen der pädagogischen Standards. Für Kinder unter zwei Jahren war der Betreuungsschlüssel bisher teilweise besser. Zwei Fachkräfte für die altersgemischte Gruppe von 25 Kindern hört sich auch erst einmal gut an, wird für viele Einrichtungen aber nicht durchgängig finanzierbar sein, weil die Pauschalen nicht auskömmlich berechnet sind. Die tariflichen Lohnerhöhungen der letzten drei Jahre blieben unberücksichtigt. Die Personalkosten sind inzwischen um 10 % gestiegen. Für BerufspraktikantInnen gibt es keine zusätzlichen Mittel. Die Freistellungszeiten für gruppenübergreifende Fachkräfte wurden reduziert. Viele Einrichtungen werden sich damit helfen, ihre Gruppen so voll wie möglich zu machen. Oder sie werden behinderte Kinder aufnehmen, für die sie höheren Pauschalen bekommen. An sich gut, jedoch brauchen diese Kinder mehr Zuwendung und Betreuung. Die höhere Pauschale kann leicht zur Gesamtfinanzierung der Einrichtung zweckentfremdet werden. Mit dem vorhandenen Personal müssen zukünftig längere Öffnungszeiten gewährleistet und vermehrt kleinere Kinder betreut werden. Die Arbeitsbelastung der Beschäftigten wird steigen. Pädagogische Ansprüche werden Kostengesichtspunkten geopfert.
5 Kann der Kindergarten dazu beitragen, soziale Benachteiligungen durch Sprache und Herkunft auszugleichen?
KiBiZ sieht Sonderzuschüsse vor. Für jedes Kind, welches der sprachlichen Förderung bedarf, erhalten die Einrichtungen 340 Euro im Jahr. Sprachtests werden ab dem 4. Lebensjahr durchgeführt. Einrichtungen in sozialen Brennpunkten erhalten einen Sonderzuschuss von max. 15.000 Euro. Diese Sonderzuschüsse sind insgesamt zu knapp bemessen, um Kitas in sozialen Brennpunkten mit einem hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund eine effektive ausgleichende Förderung der Kinder zu ermöglichen. Die Mittel ermöglichen nicht einmal die Einstellung einer zusätzlichen Kraft. Für intensive Elternarbeit, für eine Auseinandersetzung mit der schwierigen Lebenswelt der Kinder, für ein Eingehen auf den persönlichen Förderbedarf eines jeden Kindes bleibt damit nicht genügend Zeit. Die Arbeitssituation von ErzieherInnen in solchen Einrichtungen in sozialen Brennpunkten dürfte weiterhin von erheblicher Überbelastung geprägt sein. Gerade auch, weil sie ein besonderes Engagement mitbringen.
6 Wer trägt die Kosten der Kinderbetreuung?
KiBiZ hält an dem ungerechten System von Elternbeiträgen und Finanzierung durch die Kommunen fest. Rechnerisch sollen 20 % der Gesamtkosten durch Elternbeiträge abgedeckt werden. Auf die Stadt kommen mit KiBiZ durch den jetzigen Ausbau des Angebotes erhebliche Mehrkosten schon von 5 Millionen Euro pro Kindergartenjahr zu. Die Landesmittel decken nur einen Bruchteil des Ausbauprogramms. Damit droht die finanzielle Schieflage der Stadt sich auf das Ausbautempo und die Ausstattung der Kitas auszuwirken. Dabei sind gerade Duisburger Eltern besonders auf ein gutes und verlässliches Angebot angewiesen.
7 Was können wir Eltern tun?
Wenn Ihr Kind einen guten Platz bekommen hat, dann sorgen Sie dafür, dass das Versprechen besserer und gerechterer frühkindlicher Bildung von der Politik auch umgesetzt wird. Nutzen Sie Ihre Beteiligungsmöglichkeiten im Elternrat und unterstützen Sie die Gründung eines Stadtelternrates.
Was Kinder in Kitas lernen
Psychologische Studien über die Entwicklung von Säuglingen und Kleinkindern entheben sie ihrer bislang passiven Rolle und erkennen sie als soziale Wesen mit dem Bedürfnis nach Interaktion mit Erwachsenen und anderen Kindern an. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass Kinder, die schon vor dem 3. Lebensjahr in die Kita gehen, später in der Schule besser zurecht kommen. Durch pädagogische Förderung und Spielmöglichkeiten mit anderen Kindern entwickeln sie soziale Kompetenz und werden früher selbständig. Durch Singen, Erzählen, Malen, Basteln, Ausflüge, usw. erwerben sie einen kulturellen Erfahrungsschatz.
Kinder unter zwei Jahren spielen gerne in der Nähe anderer Kinder, oft mit ähnlichen Gegenständen. Das sogenannte „Parallelspiel“ ist ein wichtiger Entwicklungsanreiz und ein erster Schritt hin zum gemeinsamen Spiel. Im häuslichen Umfeld können diese Fördermöglichkeiten oft nicht verwirklicht werden.
Kinder zwischen zwei und vier bekommen in den Tageseinrichtungen genügend Raum, ihre Fähigkeiten zu erproben und weiterzuentwickeln. Sie lernen, nach ihrem eigenen Willen zu handeln. Das Spiel in der Gruppe wird immer bedeutender. Die Kinder helfen sich untereinander und schließen Freundschaften. Sie lernen Vorschläge zu machen und anderen Kindern zuzuhören. Im Vordergrund stehen jetzt Rollenspiele.
Auch Vorschulkindern bietet die Kita wichtige Möglichkeiten. Kinder in diesem Alter entwickeln die Fähigkeit zu kooperativem Regelspiel. Dabei lernen sie zu bitten, zu warten, zu danken, zu teilen, zu verzeihen, mit zu empfinden, zu helfen und Gefühle zu äußern. Bis zur Einschulung haben sie ihr Sozialverhalten schon seit Jahren täglich an anderen Kindern und Erziehern überprüft und verfeinert. Sie sind vorbereitet auf das schulische Lernen im Klassenverband.
Katharina Wiedmann
Was eine gute Kita ausmacht
Bildung bedeutet lebenslanges Lernen von Geburt an. Die Kita schafft den Raum, spielend Wissen und Erfahrung zu gewinnen und soziale Fähigkeiten zu erwerben. Die Kita kann soziale Benachteiligungen beim Bildungserwerb ausgleichen. Bildung in der Kita verlangt ein pädagogisches Konzept. Die Ausbildung von ErzieherInnen muss zu einem Fachhochschulstudiengang werden.
Erziehung legt die Grundlagen für die Persönlichkeitsentwicklung in den ersten Lebensjahren. Kinder haben ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung. Sie sollen sich zu freien und selbständigen Persönlichkeiten entwickeln. Das Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft verlangt von klein auf eine Erziehung zu Solidarität und gegenseitiger Toleranz. Das bedeutet auch Respekt vor der kulturellen Identität des Anderen. Gute Erziehung liegt nicht allein in der Verantwortung der Eltern, sondern ist gesamtgesellschaftliche Aufgabe. In der Kita-Zeit verlangt sie einen regen Austausch und Abstimmung zwischen Eltern und ErzieherInnen über familiäres Erziehungsverhalten und das erzieherische Konzept der Einrichtung.
Betreuung ist die Grundlage für Bildung und Erziehung. Sie umfasst nicht nur die äußerliche Pflege und Gesundheitssorge, sondern auch das Bedürfnis nach emotionaler Zuwendung und sozialer Anerkennung. Sie ist unverzichtbar für den Aufbau der Bindungs-, Beziehungs- und Liebesfähigkeit eines jeden Menschen. Sie hat einen bedeutenden Anteil an der Entwicklung der Intelligenz. ErzieherInnen müssen in der Lage sein, auf die kindlichen Bedürfnisse angemessen und richtig zu reagieren. Kleine Kinder brauchen kleine Gruppen und Betreuungspersonen, die Zeit und Geduld haben, sich ihnen intensiv zuzuwenden. Personalmangel führt zu einer Vernachlässigung von Kindesinteressen.
Thomas Seelhoff