Der Fall: Der Tankstellenlehrling Martin Katschker (17) trifft sich mit Freunden an der Ottostraße in Hochheide. Plötzlich kommt ein gleichaltriger junger Mann auf ihn zu, nimmt ihm sein Handy, sein Geld und seine Jacke weg.

In den Internet-Blogs des Stadtteils fühlen sich BürgerInnen aufgerufen endlich richtig aufzuräumen und die Stadt von den "Türken" zu befreien. "Türken" - der Fachausdruck für alle jungen Leute, die eine dunklere Hautfarbe haben, in der Nähe der Weißen Riesen wohnen, oft eine schlechte Schulbildung haben, zur Haupt- oder Förderschule gehen und Moslems sind. Eigentlich will man sagen, dass diese Gruppe aus Kleinkriminellen besteht. Anlass der Bürgerwut war eine Randale in der Silvesternacht, bei der Jugendliche mit der Polizei Katz und Maus gespielt haben.

Ein ortsteilbekannter Mann bot sich bei einem Stand auf dem Hochheider Markt an, selber Hand anzulegen und eine Bürgerwehr zu gründen. "Ich bekomme mit Sicherheit mehr als vierzig Bürger dieser Stadt, die sich daran beteiligen." Es bildet sich spontan eine Gruppe, die seitdem abends für Ruhe sorgen will. Das Ordnungsamt war im Zuge der Verwaltungskonzentration aus Homberg abgezogen, und "die Polizeiwache könnte den Brennpunkten nicht hinterherziehen", so der örtliche Bezirkspolizist.

Der Mord an Enver H.

Der siebzehnjährige Flüchtling Enver H. hatte am 29. August, einem Samstag, bis in die Mittagsstunden "schwarz" gearbeitet. Nachmittags traf er sich mit zwei Freunden am Üttelsheimer See. Die drei Freunde saßen auf der Rückenlehne einer Bank, als der 38-jährige Druckereihilfsarbeiter Hans Ober - stark unter Strom - mit gezücktem Messer auf sie zu kam und sagte: "Ich bin von der Bürgerwehr und zähle bis drei, dann seid ihr verschwunden - oder es passiert was." Dabei drückte er dem konsternierten Enver H. das Messer auf die Brust.

Obers 10-jähriger Sohn versuchte, seinen Vater wegzuziehen. Das gelang ihm nicht. Ober stach zu und traf Enver H. mitten ins Herz. Etwa 30 Minuten nach der Tat verstarb der junge Flüchtling im Krankenhaus. Prozessuales Nachspiel: Eineinhalb Jahre nach dem Mord fand vom 14. bis zum 20. März am Landgericht Duisburg das Strafverfahren gegen Hans Ober statt. Der Vorwurf: Vorsätzliche Tötung. Den größten Teil der Zeit von der Tat bis zum Prozess verbrachte Ober in Untersuchungshaft.

Ober erklärte vor Gericht, er sei zu dieser Tat von niemandem angestiftet worden und von der Stimmung in der Stadt gegen "die Türken" habe er auch nichts gewusst. Er bezeichnete sich als "völlig unpolitisch" und lese nicht mal Zeitung. Hier endet die Fiktion

Linke machen Vorschläge für Hochheides Bürger

Wir haben für die Sitzung der Bezirksvertretung Anträge eingebracht, die Bürgerwehren verhindern, der gerechtfertigen Sorge um Sicherheit Rechnung trägt und gleichzeitig den Jugendlichen um die Ottostraße hilft. DIE LINKE fordert die Verlegung der Polizeiwache von der Victoriastraße auf den Marktplatz in Hochheide. "Die Polizei muss vor Ort sein, da wo es Probleme gibt", so das linke Bündnis aus "Homberger Signal" und DIE LINKE. Gleichzeitig muss der Streifendienst personell verstärkt werden.

Das Unsicherheitsgefühl unserer Menschen in Hochheide ist nicht nur gefühlt, es ist real und man kann was dagegen tun. Für die Jugendarbeit ist eine Stelle für Streetworking beschlossen worden. Gegen den Widerstand des Jugendamtes sah die Bezirksvertretung die Notwendigkeit, den Kindern und Jugendlichen Orientierung, Erziehung und Verhaltenstraining zukommen zu lassen. Entsprechende Maßnahmen forderten wir in den Haushalt einzustellen.

Unser Gesamtpaket für Hochheide fand große Resonanz und Anerkennung bei allen anderen Parteien. Alle Anträge der LINKEN wurden einstimmig beschlossen, aber am 25.2. im Rat - mit den Stimmen der Homberger CDU-Ratsmitglieder - niedergestimmt. Wir fordern dennoch, dass die Polizei abends weiter auf dem Marktplatz und rund um die Weißen Riesen Streife geht und notfalls auch eingreift. Weiterhin fordern wir, dass das Ordnungsamt wieder nach Homberg zurückkommt.