Verführerische Köder

"Stellt euch vor, es ist Krieg und keiner geht hin" - im Verteidigungsministerium, wo am Umbau der Bundeswehr in eine global einsatzfähige Kampftruppe gearbeitet wird, löst diese Parole der Friedensbewegung mittlerweile gesteigertes Unbehagen aus: Der Armee fehlt Nachwuchs. Bei der Verpflichtung von Zeitsoldaten bleibt sie weit hinter ihren Planungen zurück, und auch der Wehrbeauftragte berichtet von einem "beständigen Mangel", der "seit Beginn der verstärkten Einsatztätigkeit" festzustellen sei. Damit ist eine der Ursachen für die Nachwuchssorgen benannt: Deutschland am Hindukusch zu verteidigen, ist offenbar keine allzu erstrebenswerte Berufsperspektive.

Umso verbissener versucht die Bundeswehr, die Taktzahl der Rekrutierungsmaschinerie zu erhöhen: Jugendoffiziere organisieren Ausflüge für Schulklassen, durch Deutschlands Innenstädte ziehen technikgespickte Wanderausstellungen und in den Kinosälen laufen Werbeclips für die Ausbildung zum Kampfpiloten.

Diese Imagekampagnen werden ergänzt durch verführerische Köder: In den von Jugendarbeitslosigkeit geplagten neuen Bundesländern lockt die Bundeswehr Schüler mit Ausbildungsplätzen in zivilen Betrieben - im Gegenzug für eine anschließende Verpflichtung als Zeitsoldat, Auslandseinsätze in Kriegs- und Krisengebieten inklusive.

Auch im Westen setzt man auf das Arbeitsplatz-Argument. Zwar ist die Hightech-Armee Bundeswehr vor allem an gut ausgebildeten Spezialisten interessiert, die kaum von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Zur Auffüllung der Reihen wirbt sie indes auch gern in Kooperation mit den örtlichen Arbeitsagenturen - in manchen unterhält sie gar eigene Anwerbestellen. Dort wird viel über sichere Jobs geredet, über glänzende Aufstiegsmöglichkeiten und üppige Abfindungen - erheblich weniger dagegen über Gewissensfragen, Aufgaben und Gefahren.

Die Verpflichtung als Soldat wird so zu einer begrüßenswerten Alternative zur Arbeitslosigkeit geriert; mit der Folge, dass auch der soziale Druck steigt. Das massive Werben weist in eine Richtung, die Arbeitslose schließlich zu der fatalen Frage führt, ob sie sich eine Gewissensentscheidung gegen die Teilnahme an Kriegen materiell überhaupt noch leisten können.