160 Tage währte der Arbeitskampf der Stahlarbeiter in Rheinhausen um den Erhalt der Krupphütte mit ihren 5.300 Beschäftigten. Helmut Laakmann, damaliger Betriebsleiter des Stahlwerkes, berichtet über die Ereignisse, den Widerstand und die Solidarität im Revier.
"Rheinhausen muss leben"
Der Arbeitskampf der Krupp-Stahlarbeiter vor zwanzig Jahren
Der 26.11.87 sollte ein ganz normaler Tag im Krupp-Stahlwerk in Rheinhausen werden. In der Nacht hatte es ein paar Störungen gegeben. Deswegen war ich schon sehr früh im Stahlwerk unterwegs. Vor ein paar Monaten hatte es noch Reparaturschichten gegeben, da wurden die Anlagen regelmäßig repariert und gewartet. Doch in der letzten Zeit wurden die Reparaturschichten immer wieder auf die nächste Woche verschoben; Produktion war wichtiger.
Heute kommt alles zusammen: der Stahlwagen, ein Transportgerät für den Transport der schweren Stahlpfannen, steht wegen eines Motorschadens. Die Schmelze dort drinnen wird immer kälter. Von Weitem sehe ich zwei Betriebsräte auf mich zukommen. Sie nehmen mich zur Seite und erzählen mir, dass das Hüttenwerk geschlossen werden soll. Für mich sind die 320 Tonnen Stahl in der abkühlenden Pfanne wichtiger, das "Gerücht" der Betriebsräte interessiert mich nicht sehr. Die Forderung des Vorstands nach mehr Produktion, Einsparung von Personal und Reduzierung der Betriebskosten war ständig in meinem Kopf.
Bei der Frühbesprechung im Stahlwerksbüro kann ich diese Botschaft aber nicht mehr ignorieren. Wie ein Lauffeuer geht diese Nachricht jetzt von Mund zu Mund: "Das Werk soll platt gemacht werden!"
Gegen Mittag will der Vorstandsvorsitzende Dr. Gerhard Cromme vor dem Verwaltungsgebäude der Belegschaft erklären, dass es betriebswirtschaftlich sinnvoll ist, das Hüttenwerk zu schließen.
Knapp tausend Belegschaftsmitglieder haben sich versammelt. Mitten in die "Vorstandsrede" gibt es Bewegung. Die Auszubildenden machen Druck und plötzlich fliegen Hunderte von Eiern in Richtung Vorstand. Vorstände sehen nicht wichtig aus und schon gar nicht klug, wenn das Eigelb an ihnen heruntertropft. Olaf Gruß, der Jugendvertreter geht an das Mikrophon und warnt vor "Kreuzberger Verhältnissen"."Mein Gott", denke ich, "was für ein mutiger junger Mann."
Die Nachrichten in Zeitungen und Fernsehsendern überschlagen sich. Bis zum 30. November geht kein Stahlarbeiter mehr an die Arbeit. Es gibt ständige Demonstrationen durch Rheinhausen.
Heute ist außerordentliche Betriebsversammlung. Mehr als 10.000 Menschen sind in die Walzwerkshalle gekommen und ich mitten drin.
Die Rede vom Vorstandsvorsitzenden Cromme: "Das Werk muss geschlossen werden.", hatte jeder so und nicht anders erwartet. Schlimm jedoch sind die Vertreter der etablierten politischen Parteien und die hauptamtlichen der IGM. Keine Hilfe, kein Beistand, sondern Ohnmacht und Schuldzuweisungen an alle möglichen fernen Instanzen sind der Inhalt ihrer Reden.
Ich bin dann zur Rednertribüne gegangen und habe mich zu einem Redebeitrag gemeldet. Der zweite Betriebsratsvorsitzende Steegmann meint, dass noch zwanzig Redner vor mir dran sind. Ich bin schon einige Meter weg, da ruft er nach mir: "Helmut komm, du bist dran!" Ich stehe auf dieser Tribüne. Viele verlassen schon die Halle: "Hat ja doch alles keinen Sinn!"
In den paar Sekunden, bevor ich anfange, sehe ich, dass diese Abwanderung sich wieder herumdreht, dass die Menschen wieder in das Walzwerk zurückströmen. Während meiner Rede ist deutlich zu spüren, dass die Kollegen, die sich schon verloren glaubten, jetzt neuen Mut schöpfen. "Wer am Boden liegt, soll sich erheben, und wer sich verloren glaubt, muss kämpfen!"
In der Nacht zum zweiten Dezember sperren meine Kollegen die Rheinbrücke (Brücke der Solidarität) von Duisburg nach Rheinhausen. Was in der Nacht mit dreißig Kollegen beginnt, setzt sich am Morgen mit der Frühschicht fort. Tausende Kollegen eilen zu Hilfe und kommen zur Brücke. Gegen Mittag ist die ganze Stadt auf den Beinen. Die Stahlkocher in Rheinhausen haben jetzt Verbündete, die Zeit der Solidarität ist gekommen.
Ein Lehrstück
Widerstand gegen Lüge, Profitgier und Menschenverachtung
"Rheinhausen ist überall" war die Losung. Jeden Tag wuchs die Solidarität des Reviers. Aber auch die Lobbyisten der Stahlindustrie waren nicht untätig, und so wurde Rheinhausen auch ein Lehrstück für Lüge, Profitgier und Menschenverachtung.
Im Jahre 1897 nimmt das Hüttenwerk in Rheinhausen seine Arbeit auf. Bis zum Jahre 1945 produzieren 8.000 Mitarbeiter mit dem Thomas- und dem Siemens-Martinverfahren täglich 2.700 Tonnen Stahl (0,347 t/Mitarb.). In den 50er und 60er Jahren gab es ca. 16.000 Mitarbeiter und die tägliche Produktion steigt auf 4.200 Tonnen Stahl (0,260 t/Mitarb.), die Produktivität sank.
Das hatte im Wesentlichen damit zu tun, dass der Krupp-Generalbevollmächtigte Berthold Beitz "auf dem Parkett der feinen Gesellschaft" den Anschluss an die neuen Technologien vertanzte. Schon 1948 machte ein neues Stahlverfahren die Runde, das LD-Verfahren.
Erst in den 70er Jahren, von den Mitbewerbern schon oft überrundet, machte Herr Beitz eine Tanzpause und ließ in Rheinhausen das modernste LD-Stahlwerk Europas bauen. Die alten Verfahren wurden stillgelegt und das Personal "sozialverträglich" abgebaut. Bis zum Jahre 1987 produzierten 6.200 Mitarbeiter täglich 9.722 Tonnen Stahl (1,568 t/Mitarb.). Selbst in der Zeit von 1988 bis 1992 stieg die Produktivität auf 1,893 t/Mitarbeiter, also um 20 %. Die Gründe für eine Stilllegung waren nicht bei der Belegschaft zu suchen, sondern beim Krupp-Management.
Das Stahlgeschäft ist ein temporäres Geschäft. Die Monate November bis Januar sind oft durch ein niedriges Auftragsvolumen der Bereiche: Baugewerbe, Automobilbau und Maschinenbau gekennzeichnet. Die Stahlkonzerne nutzen diese Situation oft, um auf hohem Niveau zu jammern, dies ist auch deshalb praktisch, weil sich in dieser Zeit die Tarifparteien treffen. Diese Situation wurde aber in den 80ern durch eine kräftige "kohlsche" Wirtschaftsflaute verstärkt. Hinzu kam, dass die Staaten des Comecon (wirtschaftliche Vereinigung der Ostblockstaaten) Stahl in großen Mengen als Devisenbeschaffung in die EU exportierten.
Das wäre jetzt die Stunde der Stahlbosse gewesen, um zusammen voranzugehen, Gemeinsamkeiten zu entwickeln. Aber geprägt durch persönliche Eitelkeit, Arroganz und Ignoranz begaben sie sich auf den Weg: "Es kann nur einen geben!" Da kam der Krupp-Vorstandsvorsitzende Cromme gerade richtig. Das Mannesmann-Röhrenwerk wackelte gewaltig und Cromme hatte die Idee zu einer gemeinsamen Hütte. Man wollte sich die Produktion teilen, bei Vollauslastung zu niedrigsten Kosten. "Den fehlenden Rest kaufen wir uns bei den ertrinkenden Mitbewerbern zu Dumpingpreisen." Alle freuten sich, der Herr Beitz, die Bundes- und die Landesregierung (Letztere nur bei internen Telefongesprächen) und der IGM-Vorsitzende Steinkühler, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Firma Mannesmann. Der freute sich so, dass er erst nach 10 Tagen Arbeitskampf die Belegschaft in Rheinhausen besuchen konnte.
Nach 160 Tagen war die Krupp-Belegschaft gemeinschaftlich niedergekämpft. Aber Monate später wurde der Stilllegungsbeschluss klammheimlich zurückgenommen. Es boomte und die "Ertrinkenden" waren nicht bereit an Herrn Cromme Stahl zu verkaufen. Aber schon fünf Jahre später kaufte er bei Nacht und Nebel die Aktien der Hoesch AG, schraubte die Krupp-Ringe an das Tor und legte Rheinhausen still.
Jetzt war Thyssen an der Reihe und alles lief wie "geschmiert". Hoesch wurde platt gemacht und die Krupp-Ringe bei Thyssen angebracht. Der Konzernballon hatte wieder an Höhe gewonnen, Ballast wurde abgeworfen, Belegschaftsmitglieder und deren Familien zuerst. Völlig legal, asozial und neoliberal!
Stahltach in Rheinhausen. 26.11.2007-02.12.2007. 20 Jahre danach.
Der Stahltach in Rheinhausen soll an die Menschen erinnern, die sich mit Mut und Entschlossenheit gegen die Schließungspläne des Krupp-Vorstandes gestellt und über 160 Tage Widerstand geleistet haben, getragen von der Solidarität der Menschen im ganzen Revier.
Dieser Arbeitskampf hat viele Menschen verändert. Widerstand macht eben auch widerstandsfähig. Aber Lebenserfahrungen verlieren an Wert, wenn man sie nur in der Schmuckschatulle der Erinnerungen aufbewahrt. Sie sind aber wertvoll, wenn man bereit ist, diese Erfahrungen mit anderen zu teilen. Wie ein ständiger Regen überschüttet man uns mit sogenannten Reformen. Wer hätte vor zwanzig Jahren gedacht, dass Menschen vor Suppenküchen Schlange stehen. Dass es massive Kinderarmut in unserer Stadt gibt und unsere Kinder kaum eine Chance auf einen Ausbildungsplatz bekommen. Wer hätte gedacht, dass viele vom "Lohn" ihrer Arbeit nicht mehr leben können und Arbeitslose mit Zwangsumzügen konfrontiert werden. Wer hätte gedacht, dass viele RentnerInnen immer dann, wenn sie ihre Miete und ihren Strom bezahlt haben, kaum noch etwas zum Leben haben. Es ist aber so. Gut wäre, wenn wir uns nicht weiter teilen ließen, damit uns andere beherrschen können. Gut wäre, wenn wir solidarisch zusammenstünden, Seite an Seite und Schulter an Schulter.
Chronik der Ereignisse
27.11.1987: Der Vernichtungsplan wird bekannt, Kundgebung vor der Hauptverwaltung, Demonstrationen der Stahlkocher durch Rheinhausen. 30.11.1987: Belegschaftsversammlung. Protest von 10.000 im alten Walzwerk. 01.11.1987: Fahrt mit Bussen zu anderen Standorten der Krupp-Stahl AG. 02.11.1987: Blockade der Rheinbrücke von Rheinhausen nach Duisburg. 03.12.1987: Demonstration von 12.000 Duisburger Schülern in Rheinhausen. 04.12.1987: Aktionen vor Duisburger Stahlbetrieben. Aktion "Schichtwechsel". 07.12.1987: Stahlkocher stürmen die Aufsichtsratssitzung der Krupp Stahl AG in Bochum. 6.000 Stahlkocher im Warnstreik. 09.12.1987: Stahlkocher "besuchen" die Villa Hügel, die Krupp Zentrale in Essen. Berthold Beitz flüchtet vor seinen Mitarbeitern über die Hintertreppe. Großkundgebung der ÖTV auf dem Werksgelände in Rheinhausen. 10.12.1987: Stahlaktionstag im Ruhrgebiet. "Alle Räder stehen still ..." bei Krupp, Thyssen und Hoesch. Franz Steinkühler in Rheinhausen. Solidaritätsaktionen der Bauern vom Niederrhein. 16.12.1987: Solidaritätskonzert mit Hannes Wader. 18.12.1987: Solidaritätstag des DGB. Kundgebung der IGBE in der Menage. Ökumenischer Gottesdienst im alten Walzwerk. 24.12.1987: Stahlarbeiter und Bürger feiern Weihnachten vor dem Tor 1; ARD überträgt live. 31.12.1987: Tausende feiern Silvester am Tor 1 an der Mahnwache. 05.01.1988: "Spazierfahrt" zum Krupp-Werk in Düsseldorf-Benrath. 06.01.1988: Nachtaktion in Duisburg auf die Äußerung des Vorstandsvorsitzenden Scheider: "Die Schließung jetzt schnell durchzusetzen." 12.01.1988: Mahnwachen am Tor 1 bei Mannesmann in DU-Huckingen. "Kollegen, wir sehen Euch nicht kämpfen!" 14.01.1988: IGM-Vertrauensleutekonferenz in der Rhein-Ruhr-Halle in Duisburg-Hamborn. Auftaktveranstaltung der Stahltarifrunde. Warnstreiks und Autokorso der Stahlarbeiter. Kundgebung 4.000 Teilnehmer.
20.01.1988: Warnstreiks an allen Stahlstandorten. 28.01.1988: Demonstration von Schülern und Auszubildenden mit 15.000 Teilnehmern "Rheinhausen muss leben!". 31.01.1988: "Großes Kyrie": Sternmarsch von 13 Rheinhauser Kirchen nach St. Peter mit 5.000 Teilnehmern. 10.02.1988: "Mittwochs in ..." Fernsehsendung live aus Rheinhausen mit den Beteiligten des Arbeitskampfes. 17.02.1988: "Politischer Aschermittwoch": Kundgebung und Gottesdienst im alten Walzwerk. 15.000 Teilnehmer. 20.02.1988: "Auf-Ruhr" Konzert 40.000 Menschen im Walzwerk. 23.02.1988: "Tausend Feuer an der Ruhr": 80.000 Menschen im Ruhrgebiet mit Fackeln unterwegs. Menschenkette von Tor 1 Krupp-Rheinhausen bis zum Tor 1 Hoesch-Dortmund. 24.02.1988: "Kanzlerrunde" in Bonn: Rheinhausen geht leer aus. 09.03.1988: Krupp verschickt "blaue Briefe". Wer nicht arbeitet, sondern weiter protestiert, fliegt. 25.03.1988: Betriebsräte legen Konzept zur Erhaltung des Werkes vor. 30.03.1988: Stahlkocher fahren zum Verwaltungsgebäude in Bochum und stürmen die Vorstandssitzung. Krupp droht jetzt den Stahlarbeitern mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen und Schadensersatzansprüchen. 09.04.1988: Die Stahlarbeiter streiken, trotz blauer Briefe. Die Hütte steht. In die Streikkasse sind 1,6 Mio. DM eingezahlt worden. 11.04.1988: Verkehrsinfarkt in Düsseldorf. Stahlarbeiter demonstrieren in der Bannmeile des Landtages und sperren die Rheinknie-Brücke. Rau, die Minister Jochimsen und Heinemann wollen vermitteln. 03.05.1988: Annahme der Rau-Verhandlungsergebnisse durch die Belegschaft und Beendigung des Arbeitskampfes. 1989 wird das Walzwerk und 1990 das Stahlwerk geschlossen. Keiner wird arbeitslos. 06.04.1990: Der Stilllegungsbeschluss wird aufgehoben. Das Werk soll unbefristet weiter produzieren. 15.08.1993: Rheinhausen fährt die letzte Schicht und die Produktion wird nach Krupp-Hoesch in Dortmund verlagert.